TROELS ABRAHAMSEN: STARS: VORDINGBORG: DÄNEMARK: 24.10.2009

Kleinstädtisches Oberstufen-Stand-In.
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Was tut man in einer dänischen Hafenstadt, welche knapp 46.000 Einwohner zählt, jedoch offiziell nur ihren gut erhaltenen Gänseturm als Wahrzeichen und halbes Sightseeing-Ziel anbietet? Genau, durchfahren oder gar nicht erst kennen. Ist man jedoch am Soloprojekt der männlichen VETO-Frontale Troels Abrahamsen interessiert und scheut sich nicht vor Grenzübergängen, muss man eben doch einmal dort einkehren, wo alles über 21 scheinbar schnellstmöglich auskehrt.
Die ortsansässige Schülerzeitung scheint der aktuellen Oberstufe das Samstagskonzert zumindest ans Herz gelegt zu haben. Das Stars strahlt zwar nicht ausgebucht, dennoch ist die Raucherecke des Schulhofs fast komplett vertreten. Der kleine Ole, die kräftige Anneke und wie sie alle heißen. Da lässt Troels sein Merchandise-Angebot verständlicherweise gleich im Tourbus, packt dafür in der gut gefüllten Stunde alles raus, was zu erwarten war. Und im Grunde noch viel mehr. Schließlich kursierten so manche Gerüchte über die Abkehr vom raffinierten Clubsound Richtung Singen plus Songschreiben. Doch damit die brav stehende Meute was zum Tänzeln hat, wird dem Netzgerede die lange Nase gezeigt, entwickelt sich der albumgerecht vorgetragene Einstieg mit den lieb gewonnenen Soft-Elektronikperlen schließlich nach und nach zur ausgedehnten Sause ohne Auge auf Uhr und Songaufbau. Da mutiert das angeblich nerdige Laptop-Flackern und Knirschen im Downtempo unter dem sentimentalen Singsang wie von selbst zur vollmundigen Beatbox. Anbiedernd? Mitnichten. Dafür steckt noch immer zuviel Hirn unter jedem Schlag und fehlt der verstrahlte Chicorio-Sonnenbrillen-Charme am Mikro. Rumms. Musik aus, Jugend weg. Nein, alle weg. Wie wäre es mit Kopenhagen?
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Es existiert diese Szene von einer ca. 4-5-köpfigen Gruppe Heranwachsender, die an einem verregneten Spätsommerabend mehr oder weniger dumm zusammen sitzt. Jedoch nicht im Trubel der Bar-Innereien, sondern direkt davor, also frontdoor. Klimatisch war eher Herbstwinken angesagt. In ihrer Stimmung zwischen Wochenend-Lähmung und latent regierender Euphorie, war die Frage nach dem Getränk zum Aufwärmen absehbar. Während das Mischen von dem, was eigentlich nicht zusammen gehören soll, nicht nur menschlich gern gewähltes Thema bleibt, ist die Experimentierfreude beim Vermengen hochprozentiger Flüssigkeiten weiter Trumpf. Keine Sau kann ernsthaft Absinth mit Senf oder auch Kinderbowle plus Jägermeister delikat finden. Aber unter den alkoholischen Getränken gibt es einen ungekrönten König, der über nahezu jedem anderem Gesöff thront. Wodka, ggf. auch Vodka.
Schütte Kirschsaft über ihn, wichse ihn dir samt Ahoi Brause im Rachen wild oder mach dir die Wampe mit seiner rohen Hilfe akut warm. Everybody loves the Big W.
Diese Horde Halbwüchsiger saß da also im Taumel ihrer Ping-Pong-Unterhaltung, und einer von ihnen stand plötzlich auf. Er kam wieder. Mit einem Kakao, nein – mit einem Wodka-Kakao, Wod-Kao oder verdammt nochmal Wokako. Mit schlecht inszeniertem Stolz pries er diese Mixtur als das neue Ding an. Nie dagewesen. Die Anderen nickten das Getränk tatsächlich als beachtlichen Neu-Versuch ab. Wie unwissend sie waren und bis heute wohl sind.
Hätten ihre Großmütter mal den doofen Sangria oder Kopfschmerz-Jagertee in der Abstellkammer gelassen und ihnen die Lehre der altbekannten Russischen Schokolade näher gebracht. Die kommt natürlich nicht ursprünglich aus der Taiga, aber parallel enthält der Spinat auch nur geringfügig Eisen. Egal. Selbst die abgelegenste Wald- und Wiesenspeisegaststätte hat diese ach so spezielle Schokolade in ihrem Tagesangebot. Mehr konservativ als revolutionär chic also.
In Zukunft dürfte das angesprochene Gespann auch gerne mal in der Wohngemeinschaft der anwesenden Weiblichkeit landen. Sie setzt einen Topf Milch auf den Herd. Gibt eine selbst abschätzbare Ladung Zucker dazu, wirkliches Kakaopulver wird hinein geschüttet, gefolgt von der Fuhre Wodka. Sie kann dann noch ihr Sahnehäubchen draufgeben und fertig ist der Spuk. Und nein – Rum, Amaretto oder Tante Olgas Hinterhof-Likör sind keine wahren Vertreter für Mr. W. Die Wirkung einer Wod-Kao-Überdosis ähnelt angeblich der erschreckenden Süffigkeit eines lieblichen Weissweines featuring des Völlegfühls und dem Blähbauch drei zu schnell reingestopfter Rumkugeln. Klingt gut? Dann interessiert ja auch nicht mehr, wer es letztlich erfunden hat.
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ARCHIVE: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 18.10.2009

Vorbildlicher Schichtsalat.
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Es gibt Bands, die sind so gut, dass man es den Massen gar nicht vorenthalten kann. Ebenso dann die Bands, welche anscheinend wieder zu gut für den allgemeinen Mob zu sein scheinen. Im Falle von Archive dann eher zu vielschichtig, zu abwechslungsreich und zu festlegungsfrei, um spartentechnisch wirklich Platz zu finden. Von allem ein bißchen mischen, versuchen viele, bleiben dabei oft aber zu inkonsequent oder beliebig, um dauerhaft als künstlerisch relevant durchzugehen.
Und was tut man eigentlich, wenn man die Platte in der Hinterhand hat, welche sich von einer netten Songsammlung zu dem dichten Hitbatzen mausert, der nach und nach die inoffiziellen Jahrespoll-Charts aufwärts klettert? Man wühlt eben bei der Zusammenstellung der Live-Setlist nicht im namentlich passenden Archiv-Dickicht, sondern bedient sich dem Material, welches am nächsten liegt. „Controlling Crowds“ in chronologisch und fast kompletter Aufstellung – ein schlauer Schachzug – bietet das proppevolle Stück Musik eben alles, was unter progressiven Epic-Pop irgendwie zu verstehen sein könnte.
Die Briten von Archive handeln nie halbherzig oder reissen Ideen nur zwecktechnisch an, sie füllen den Begriff Künstler auch oder gerade nach 15 Jahren Bandgeschichte erstaunenswert aus. Wenn neun Mitglieder in den Sound integriert sind, kann das interessant, live aber auch gerne überfordernd und überladen rüberkommen. Doch hier sitzt einfach alles: die agile Light- und Videoshow, das mit sichtlicher Leidenschaft funktionierende Treiben des Kollektivs, die Euphorie des Publikums, welches überwiegend nicht zum Jungvolk, sondern zur angehenden Oil Of Olaz-Generation gehört, und wesentlich das aktuellen Album-Material. Spätestens live wird klar, wieviele Details sich in gute 70 Minuten packen lassen. In dem Moment, in welchen „Bullets“ mit den auftürmenden Gitarrenläufen als tanzbarer Rock durchgehen mag, greift sich „Collapse/Collide“ atmosphärebedingt die Sterne und all das dahinter, während „Bastardised Ink“ das treibende Rap-Teil mimt, auf dessen Beat die Westcoast neidisch schielen dürfte. Eine bessere Werbung für eine Scheibe, die nach Konzeptalbum riecht, all die negativen Begleiterscheinungen genau dieser jedoch ad acta legt, war nicht zu erwarten. Das setzt schlußendlich für die treuen Fans noch eine Handvoll alter Hymnen, die jedoch eines offenbaren: das Hier und Jetzt kann manchmal so viel spannender sein.
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INTRO INTIM: HEALTH/FUCK BUTTONS/LE CORPS DE FRANCOISE/PICTUREPLAN: HAMBURG: PRINZENBAR: 15.10.2009

Festival der Hiebe.
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Von Krawall und Remmidemmi kann dir jeder was vormachen, von der Lust auf Ohrenalarma ebenso. Wenn es dann mal wirklich fiept und knackt, drehen sich die Pseudo-Harten unter die Kapuze oder eben Kopfhörer mit Muse drauf. Seitdem Indie mehr und mehr zum missachtenswerten Genre verkommt und als wirklich unabhängig nur die Beziehungsumstände auf den zugehörigen wöchentlichen Motto-Feten durchgehen, ist schlau inszenierter Krach die potentielle Alternative. Schließlich mag nicht jeder Hardcore und vor krassem Electroclash schaudert es vielen weiterhin. Die viergeteilte Sause für all die Musikkenner dazwischen, wird ausgerechnet vom weiterhin Kostnix-Musikmagazin Nr.1 – der Intro – als Festivalreihe veranstaltet.
Und was dabei rauskommt? Nicht weniger als gute drei ungeheuer intensive Stunden Klanggewalt. Angefangen bei dem weiblichen Dreiergespann von Le Corps Mince De Francoise aus Helsinki, die gleich mal klar machen, wie man elektronifizierte Popmusik tanzbar und dennoch künstlerisch nicht unbrauchbar auf sechs Beine stellt. Songtitel wie „Bitch Of The Bitches“ lassen wir mal im Hintergrund. Wenig Platz und trotzdem viel Gas, das scheint die Devise. Beim Ein-Mann-Projekt von Pictureplan ist die Bezeichnung Gothic-Dub-House genauso wenig passend, wie die Performance an sich. Zwei Tage später in einer hochprozentigen 2 Uhr-Session würden die Beats wohl eher zünden.
Richtig lodern oder eher Wall-Of-Sound-mäßig mähen tun dann die Jungs von Fuck Buttons, welche beweisen, dass live erleben auch 2009 eine Kunststoffpressung nicht ersetzen kann. Da lässt sich nämlich nur ansatzweise erahnen, mit welchem Druck, welcher Wucht und welchem komplexen Tohuwabohu-Effekt die Buttons genommen werden. Teilweise zu ausgedehnte Flächen, die sich gar nicht weiter aufbauen können. Nennt es psychedelisch, seltsam verworren und so dicht, dass man das Songkonstrukt hinter all dem gestapelten Irrsinn nicht mehr suchen mag. Letztlich war das bereits das Highlight, welches 16 Euro gerechtfertigt hätte.
Doch keine Noise-Runde ohne Health, welche ihren akuten Karriereschub wohl selbst eher hinnehmen als ganz nachvollziehen können. Steriler Vernissage-Pop auf dem Laufsteg war angeblich gestern, heute dürfen ggf. Krawallmatzen wie die Karlifornier von Health den Soundtrack zum Gutaussehen und Gutausgehen vorstrecken. Die Scheibe „Get Colour“ ist bereits der manifestierte Beweis für schräg angenervten Drum-Rock, der kompakt auf die Barrikaden, im ungünstigsten Moment auch kräftig auf die Nüsse geht, und dank den entrückten asexuellen Stimmlinien die Mische kreiert, die eben ab sofort als hip abzuhaken ist. Großstadtflair klingt wohl so. Mit „Die Slow“ ist nicht nur ein treibender Hit, mit „In Violet“ sogar so etwas wie ein halbgekochtes Stück Epik geglückt. Der Spuk ist leider schneller vorbei, als den breakfreudigen Prinzenbar-Besuchern lieb zu sein scheint. Sei’s drum, kurz und schön schmerzhaft, bevor der ungewollte Nervfaktor einzutreffen droht.
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THE XX: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 14.10.2009

Der Anfang könnte das Ende sein.
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Plötzlich ist der Hype da und keiner will dran schuld sein. Erklären kann sich nämlich niemand, woher das akute Emporsteigen der derzeit heißesten The-Band Londons- welche weder eine wirkliche ist, noch sich selbst dazu zählen würde/sollte – nun genau her kam. Ab dem Tag X sah man selben Buchstaben groß in weiß auf schwarz und das überall. Ganz ohne eifrige Radio- oder TV-Rotation, eher durch blitzschnelle Mund-zu-Mund-Propaganda, war die Band aufeinmal allgegenwärtig. In knapp 8 Wochen auf nahezu jeden Rechner des musikinteressierten jungen Menschen, das darf schon was heißen. Das Dubiose an der Sache: Das sogar mit Rechtfertigung. Schließlich sind die 11 Songs des selbst betitelten Debüts erschreckenderweise durchgehend gut bis großartig. All Killer, No Filler.
Die auf das Wesentliche runter reduzierten und produzierten poppigen No Wave-Stücke lassen viel Platz zum Atmen, geben im Background lediglich eine künstliche Nebelschleife ab – zum Lachen geht das +/- volljährige Quartett nämlich sicher überall hin, nur nicht in den Proberaum. Kompakte Soundskelette zum Wohlfühlen > auch live?
Das erfährt man nach Holly Miranda. So lieblich wie auf den Promofotos grinst sie sich auch heimlich im Vorprogramm durch ihr ebenso überschaubar instrumentiertes Set. Zwei Gitarren und zwei Stimmen, das darf reichen. Tut es auch. Holly zeigt all den dünnstimmigen Püppchen, was neben langen Haaren und parallel langen Beinen eine ausdrucksstarke Vokalharke ist. Kompositorisch noch teilweise durchwachsen bis wenig songorientiert, doch das handwerkliche Potential ist schon da.
Die Hütte ist ausverkauft, von bis zum Bersten gefüllt jedoch noch weit entfernt. Da hätte man von Seiten der Veranstalter dem ein oder anderen in der Kälte erfolglos Wartenden ja noch ein kleines Geschenk zum Mittwoch Abend bereiten können. Die Band des Abend wird zeitgleich mit dem beschenkt, was es selten ohne Hintergrund gibt: Jubel, Lob und Klatschalarm. Nur so richtig Bewegung will nicht einkehren, dafür wird den Indie-Hits in spe einfach zuviel Aufmerksamkeit zwischen den Tönen gegeben. Sei’s drum.
Jung, unerfahren und kaum erfolgserprobt. So kann der inoffizielle Siegeszug doch fast nur daneben gehen. Geht er aber nicht. Das Unfertige und noch nicht Durchchoreographierte in der Stunde XX macht sympathisch. Da schaut man über die Hüftsteife, einigen verkappt aufgeregten Mimiken am Mikro und dem dank fehlender/unpassender Lightshow wenig atmosphärischem Rahmen auch hinweg. Allen Bedenken zuwider werden die Songs live albumgerecht inszeniert. Keine Club-Remixe, keine übertriebenen Experimente, so roh wie bekannt. Da sprechen Perlen wie „Crystalised“ und „Infinity“ eben für sich. Unterm Strich nicht die hippe Fete, die man erahnte, sondern der Beweis, dass man gutes Songwriting nicht kaufen kann und nicht wie gecastete Halbstars ausschauen muss. In drei Monaten die Auflösung bekannt geben und man hat fast alles richtig gemacht.
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13 Dinge … für die man sich ab Oktober endlich Zeit nehmen kann.
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01] Eltern, Erziehungsberechtige, Vormünder und andere autoritäre Beziehungspersonen einen mehrtägigen Besuch abstatten. Bringt zusammen, was Jahr für Jahr weniger zusammen zu gehören scheint. Problem: Ungewollte Termine und zeitliche Erwartungshaltung wenn Füße unter dem Tisch.
02] Mehr lesen, schreiben, malen und anderweitig für kreativen Output sorgen. Setzt Ungeahntes frei. Problem: Vorhaben kommt selten über das fixe Briefverfassen zum Donnerstag Abend hinaus bzw. wird das ausgedehntere Lektürekontrollieren auf dem WC schon als Mehr-Zeit-Nehmen eingeordnet.
03] Persönlichen Finanzplan erstellen. Könnte Übersicht in die Soll-reiche Kontoführung bringen. Problem: Am Wochenende hat man die Aufzeichnungen aus unersichtlichen Gründen verlegt oder verdrängt.
04] Hygienemaßnahmen in den eigenen vier Wänden oder den der besten Freunde. Die festklebenden Krümel vom Juli wird es weniger freuen, den gemiedenen Putzlappen aus der Abstellkammer schon eher. Problem: Wird zu schnell dunkel und da sieht man die staubigen Ecken und Kanten ja nur geringfügig, außerdem ist man doch nicht seine eigene Mutter.
05] Den angesammelten Musikhaufen einmal akribisch ordnen und dem vorrätigen B-Material mehr konzentrierte Aufmerksamkeit schenken. Problem: Die Dropbox füllt sich stetig neu bzw. ist der „Anhörbar“-Ordner erstmal blind zu minimieren.
06] Mehr Schlaf. Off als Regenerationsprophylaxe. Problem: Verpasst man da nicht was?
07] Man kann Mitmenschen zum Kochen einladen. Fördert Umgang mit Essbarem und denen, die es schneiden müssen. Problem: Das obligatorische Eck-Bistro hat doch so eine nette Bedienung und so teuer ist das eigentlich alles gar nicht.
08] Mehr Zeit für die eigene Körperhygiene aufbringen. Der Kampf gegen Augenringe und weitere ungebetene Verdächtige könnte sich auszahlen. Problem: Eine Wodkamaske oder doofe Schaumparty bewirkt leider das Gegenteil.
09] Sich bilden. Informationen über die Online-Ausgabe des Spiegels hinaus. Problem: Wissen macht angeblich Macht, letztlich aber auch Kopfschmerzen.
10] Das nächste Jahr in seinen Grundzügen vorplanen. Könnte abseitige Gedanken als den Masterplan ablösen. Problem: Sich Dinge halbherzig vornehmen ist doch Sache des Neujahrs, oder?
11] Fitnessplan trotz und wegen Minusgraden. Härtet ab und Muskulatur angeblich an. Problem: Sieht doch im Snowboard- oder Nachtdress eh fast niemand, außerdem sind Grippen nicht zu provozieren.
12] Umräumen, ggf. auch Umziehen. Tapetenwechsel oder neu geordnete Einrichtung als Sinnes-Refresher. Problem: Kostet Geld, Nerven und die helfenden Hände sind im Grunde nur auf den kollektiven Absacker im Anschluss aus.
13] Weihnachtsgeschenke rechtzeitig kaufen. Problem: Unsinn.
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ALICE IN CHAINS: BLACK GIVES WAY TO BLUE: VIRGIN (EMI): 2009

Die verspätete Seattle-Aftershow-Fete.
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Wenn man ganz ehrlich ist, war die Zeit für Grunge und all die 1992 ‘er Nachwehen nicht nur vorbei, sondern bereits komplett Geschichte. Als frisch nach dem Millennium Heerscharen an US-Rockern sich mehr oder weniger kompetent an den Herren der Dekade zuvor orientierten (Theory Of A Deadman, Puddle Of Mudd, Godsmack etc.), war offensichtlich, dass neu geladene Erinnerungen gut und schön sind, aber die Musikhistorie ungekonnt verwaschen bzw. gedankliche Verbindungen setzen, die mehr weh als gut tun.
Alice in Chains waren immer die coolere Grungeband. Sie setzten weder auf so eine musikalisch reduzierte Ein-Mann-Show wie Nirvana oder dem verschrobenen Indien-Psycho-Kosmos der Stone Temple Pilots, noch auf die potentiellen Soundtrack-Massenhymnen von Pearl Jam bzw. die Garagenkracher der Mudhoney-Jungs. Immer standen sie mit einem Bein im Heavy Metal, bedienten sich wabernden 70er-Jahre-Doomriffs, hatten eher das Image der selbstzerstörerischen Rocktypen und wollten nie so wirklich als Everybodys-Posterboys durchgehen. Seltsame Junkhead-Bekenntnisse und flehende Todessehnsüchte waren und sind eher kein gern gehörtes Mainstreamfutter.
Es war der Tag X. Layne Staley = tot. Damit zersprang der letzte aufrecht wankende Grungefunke, der bereits mit der elektronischen Unterwanderung des Rock und aufkeimenden New Metal-Invasion in die Ecke verdrängt wurde. Hoffnung ist tabu, gerade wenn der Sänger und Frontmann das lebenstechnische Handtuch wirft. Und so war Staunen und Stirnrunzeln angesagt, als Gerüchte eines Alice In Chains-Comebacks die mediale Runde machten. Wo bleibt da die Ehrfurcht? Der Respekt vor dem eigentlichen Ruf ? Scham und generelle Moralvorstellung? Wer sollte bitte Layne ersetzen? Den Mann, der bis zum Ende mit einem Charisma aufwarten konnte, welches man sich eben nicht kaufen, geschweige denn antrainieren kann. Neues Material nach 13 Jahren – kann nur schief gehen.
Nun ist es raus. Einmal das Album „Black Gives Way To Blue“, und dann, dass es Wiedersehen gibt, die nicht nur Freude machen, sondern im besten Falle auch richtig gut tun. Im Grunde ist auch 2009, nach vielen Jahren Bandpause und kommenden und gehenden Musikhypes alles wie zu den Zeiten, als MTV noch Geld und Platz für Clipformate hatte. Als Karohemden nicht zum wiederholten Mal angesagt waren, lange Haare ein Must-Have und die Generation X die Zukunft als das schwarze Loche ansahen. Kompositorisch ist das alte Schulte, aber eher der freundschaftliche Schulter- als ungewollte Schenkelklopfer. Die kellertiefen Sägeriffs ziehens sich im Classic Rock-Kontext durch 3/4 der Platte, bleiben dennoch zu schräg gespielt um den 0815-Brummifahrer das Cap wackeln zu lassen. Das Wechselspiel aus der vokalen Disharmonie, die sich erst zweistimmig aufbaut, um in nächsten Moment in sich zusammenzufallen, feiert wieder ihr ausgedehntes Fest . Kein „Oooh!“ und „Yeeeah“ zu selten oder zu kurz gehalten. Die obligatorischen Balladen fehlen genauso wenig, wie der Anklang von Countryfolk unter den akkustischen Zeilen. Macht unter dem Strich also den nahtlosen Anknüpfer an die letzte, selbstbetitelte Platte? Nicht ganz. Lyrisch ist die Verzweiflung entschärft, musikalisch die Schärfe leicht entzweifelt wurden. Egal, das passt trotzdem, schließlich kommt ehrlich gemeinte Wut auch im neuen Jahrtausend besser selten auf Knopfdruck.
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ONE WEEK: KANADA: 2008

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Nichts will als mehr Zeit- und Nervenverschwendung durchgehen als die alte „Was-wäre-wenn?“-Frage. Hätte die Nachbarin nicht geklingelt, die U-Bahn keine Verspätung oder der Hund keinen Durchfall gehabt. Die Geschichte würde anders geschrieben werden. Spekulation ist der Menschen Wohl und Hohn in einem. Stelle dir vor, du bekämst heute akut die Diagnose, welche nur eines schlussfolgert: Die Zeit rennt bzw. ist nahezu vorüber. Was nun? Entgegen flitzen, sich beruhigt zurück legen oder für die un/bestimmte Zeit genau sich der Existenz hingeben, die man nie oder immer sein wollte.
Wer will einem vorschreiben, wie man sich in Extremsituationen verhält? Wer will wissen, welche gedanklichen Kanäle parallel Achterbahn fahren? Wo fängt Egoismus an und hört Selbstbestimmung auf?
Regisseur und Drehbuchautor Michael McGowan tut in „One Week“ gar nicht so, als würde er es wissen. Er wühlt die Fragen auch zu keiner Zeit psychoanalytisch auf, verzettelt sich nicht in pathetischer Überinterpretation des Gedankens an Tod, Vergängnis und Endlichkeit.
Kanada scheint mit seinen idyllischen und teilweise unfassbar anmutenden Weiten geradezu prädistiniert als Kulisse für einen Roadmovie, der im Grunde keiner sein möchte. Joshua Jackson bricht aus seinem mittelprächtigen US-Serien-Image raus, ohne die Figur des Endzwanzigers Ben eine künstlich aufgesetzte Dramatik aufzuheizen. Solch eine endgültige Diagnose bringt um den Verstand, lässt Zweifeln und alles hinterfragen, was zwischen Beziehung und Lebensführung bisher Bestand hatte. Liane Balaban spielt die Rolle der in sich versteiften und eindimensional agierenden Verlobten außerordentlich überzeugend. Man möchte sie schütteln, Szenen festhalten und ihr klar machen, dass es Ben ist, der für sich selbst Entscheidungen treffen muss.
Charmant und mit einer sensiblen und doch nicht luftleeren Leichtigkeit wird man quer durch Bens Motorradreise geführt. All die ernüchternde Schwere wird hinter den Bergen belassen, jedes inszenierte Augenzwinkern kommt passend und kämpft nicht um erzwungen auflockernde Situationskomik. Und so ist der Hauch von Tragik durchgehend spürbar, wird jedoch nie als Mittel zum typischen Zweck erkoren. Was bleibt, sind 94 Minuten getragener Unterhaltung, die mal wieder nachhaltig die gedankliche Waagschale vom Sein und Werden füllen. Da darf man auch mal Danke sagen.
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(500) Days Of Summer: USA: 2009

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Songs, welche von sich behaupten, keine Liebeslieder zu sein, oder liebliche Geschenke, die auf keinen Fall liebenswert gemeint sein sollen, sind schon so eine seltsame Seuche der Neuzeit. Dass das Genre „No-Love-Movie“ von Jahr zu Jahr dichter besetzt wird, passt da nur umso besser in die allgemeine Entwicklung rein. Der Konsumt, Hörer oder Zuschauer kann anscheinend selbst schlecht einschätzen, wo die Botschaft hingeht oder das was das imaginäre Etikett aufzeigen soll. Das nimmt Spannung und Erwartung, schließlich wird der Begriff Liebe dann nur skelletiert, in seine allgemein kritischen Bestandteile zerpflügt. Das nennt man berechenbar. Im schlimmsten Falle langweilig.
Anti-Beziehungskomödien gibt es zuhauf. Partnerschaften, die zum Scheitern verurteilt sind bzw. so tun müssen, um der Nähe zu Realität und Alltag Rechnung zu tragen. Wo die Aussage: Stay solo! aufleuchtet, die Contra-Liste mit einer satten Portion Überhangmandaten aufwarten kann. Die Verliebten naive Träumer sind, verkappte Neuauflagen ihrer Eltern. Ziemlich einfach gedacht alles.
In (500) Days Of Summer lebt sich diese Sparte quer gedrückter Großstadtromantik wie ein extra errichtetes Paradebeispiel aus. Die Hauptcharaktere Tom und Summer erleben die Liebesgeschichte mit Verfallsdatum. Wobei hierbei der Katy Perry-Verschnitt mit ihrer lockeren, unverbindlichen Art zu Beginn noch begeistern kann, im Laufe der 97 Minuten dann an Coolness verliert bzw. Entscheidungen trifft, die weder Tom, noch der konventionelle beziehungserprobte Zuschauer gut heißen oder nachvollziehen kann. Der Rahmen oder Platz zum Mitfühlen fehlt leider, fällt inmitten der zahlreichen angedeuteten Ideen von Script und Produktion misslicherweise den Stadtpark runter, der Dreh- und Angelpunkt des Geschehens sein darf. Drumherum wird das liebenswerte, aber recht bissfreie Gefühlsunterfangen in den zu erwartenden unchronologischen 500-Tages-Kalender gepackt, bekannte bis verdrängte Indie-Popsongs inklusive. Euphorische Melancholie auf Zelluloid kann schön sein, unbeschwertes Coming-Of-Age-Geschwurbel mit Mute-Taste und dem Schenkelklopfer-Finale des Monats sind spätestens übermorgen vergeben und vergessen.
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IN vs. OUT-Liste: OKTOBER 2009.

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[IN]
! Der Schlafplatz als persönliches Premium-Moosbeet] 3 Decken sind erst der Anfang. Motto: Ob du wirklich richtig liegst, siehst du wenn das Licht ausgeht.
! 90er Jahre-Metal] Glaubt einem niemand, ist aber so. Zweifel verdrängen und epischen Gitarren den Freiraum bieten, der ihnen dank Queerlectro und Pussyfolk viel zu ewig verwehrt blieb.
! Partyaufhänger] Die coole Freundin der peinlichen Motto-Party.
! Reumütige Bedienungen] Welpenblick und Herz-Fassen nach vergessener Bestellung oder ausgedehnter Wartezeit kommt gut, wenn auch mehr als vier Entschuldigungen anbiedernd bzw. unpassend anmachend wirken.
! Umzugs-Aftershow-Dinner] Der einzig köstliche Grund, warum man die Schweissperlen überhaupt zulässt.
! Quickie-Geburtstagsgratulationen] Ein groß angelegtes Fest in vier Akten kann schön sein, der knapp und effektiv gesetzte Geburtstagsbesuch nach Mitternacht setzt dennoch erlebte Maßstäbe. Achtung: kann schlecht inszeniert als unhöflich betitelt werden, gerade wenn das Präsent eher profesorisch anmutet.
! Unkonventionelle Umwege] Müssen nicht grundsätzlich unter illegal laufen.
! Konversationen im Mute-Modus] Danke.
! Neue Wohnkonstellationen] Änderungen im menschlichen Gefüge auf weniger als 60 qm tun meistens gut. Tapetenwechsel kommt später.
! Interaktive Konzerterlebnisse] Nicht das Gruppenshouting im Hardcoredress, eher fliegende Sonnenbrillen oder gerne auch Sojareiswaffeln als materielles Feedback der Menschen auf der Bühne.
! 24/7-Einkaufsmöglichkeiten] Leider viel zu selten über die Haus-und Hof-Frittenbude oder den Standard-Spätshop hinaus. Wo bleibt denn da die durchgehende Alternative?
! Gemeinschaftsgefühl auf Knopfdruck] Und jetzt alle: We are all 2gether now!
! Rastplatz als Ruhepol] Scheiß auf den Stadtpark!
! Ungeklärte Situationen] Machen Kopfschmerzen, nach der Aussprache erwacht dann die trübe Ernüchterung.
[OUT]
? Großstadtromanzen] Nein, sie sind eher schmerz- denn herzzererreissend. Ist alles nur Zufall, oder wie war das?
Spruch: Hä, es gibt nicht den Richtigen – ich probiers schon seit 3 Wochen.
? Hyperplanung] Heute zu wissen, was übermorgen schon sein könnte…nett wie das Gaffen in die Sterne, aber unrealistisch, weil lediglich sinnfrei verbratene Euphoriesoße.
? Unselbstständigkeit] Fragen, Probleme und all die überflüssigen Skepsisblicke als Dauerbeschallung gehen an Substanz und rütteln am Nervenkostüm. D.I.Y., Alter!
? Arbeitsunfälle] Nicht der Fleischer am Eck oder der rachsüchtige Hausmeister sind das inoffizielle Ventil des Bösen. Es bleibt die Stelle, die den monatlichen Knietief-Dispo entlastet. Verdrehter Daumen, Kopfplatzwunde oder kurioser Infekt, der nur auf Infarkt wartet > da muss mehr als eigentlich kann.
? Junggesellinenabschied mit 7,5 bpm] Wenn schon doofes Kostüm und Rattenschwanz von Mitleidenden, dann doch bitte ohne Mienenmiene.
? Soldout!] Wo leben wir denn, oder: Muss sowas sein?
? Jeder 2. Diskussionsteilnehmer] Ob Sprach- oder Wissenstörung, viel zu oft kreischen öffentliche Gesprächsrunden geradezu nach Vorschlaghammer oder Maulkorb.
? Typische Rollenverteilung als Lebenseinstellung] Wer muss den Schrank aufbauen? Wer weiß, wieviel Weichspüler nötig ist? Wer kennt die optimale Hauttherapie? Letztlich muss jeder alles können, wenn schon nicht wissen.
? Bleistift als Wahlutensil] OSZE, wo wart ihr?
? Mühe-geben] Kann nicht mehr als der Anfang sein.
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REEPERBAHNFESTIVAL 2009: HAMBURG: 24.-26.09.2009

Von der Skyline über den Bordstein und zu oft zurück.
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Drei Tage Reeperbahnfestival bedeutet für jeden etwas anderes. Das Gute vorweg: der Sommer ist vorbei, hier gibt es kein Campinggelände und somit kein Heringstechen und Klostehen. Aber letztlich kein Festival ohne Zeitplan im Hinterkopf bzw. Stechuhr als Antrieb. Für Otto-Normal-Musikhörer sind der Donnerstag bis Samstag einfach das livehaftige Überraschungsprojekt, bei Musikfreaks eher Rennen samt Ärgernis. Große Leerphasen treffen mehrfach gestapelte Highlights. Da heißt es abwegen. Mit Glück hat man dann rückblickend die korrekten Entscheidungen getroffen.
Gut getroffen war z.B. der Auftritt des Fleet Foxes-Drummers J. Tillman. Die These, dass die Typen hinterm Schlagzeug solotechnisch meist belangfrei agieren, wird eher selten wiederlegt. J. tut das. Nicht lautstark, nicht triumphierend, eher im klassischen Singer/Songwriter-Stil. Wo Blues und Semi-Country latent den Ton abgeben. Wo nicht der einzelne Track im Vordergrund waltet, sondern die gesamte Atmosphäre dank Hall und Zweistimmigkeiten zum Zerschneiden bereit steht.
Soloding die Zweite: Ramona Falls. Brent Knopf, Menomena-Gründungsmitglied, hat sich von seinen verschrobenen Soundmixturen losgesagt, den Obskuritäten entkleidet und steht schlacksig und songtechnisch halbnackt in der kleinen Hasenschaukel. Spätestens live entwickeln Perlen wie „Russia“ (!) oder „Going Once, Going Twice“ ihre ganze Leidenschaft. Mit den Dear Reader-Mädels im Background, wenigen kleinen Verspielern und einem Schlagzeuger, der sogar den nahestehenden Ofen mitverwendet, werden die 45 Minuten zum Gefühls-Stand-In der sympathischsten Gattung.
Und wenn man schon beim Emo-Thema ist, da können Dear Euphoria nicht weit sein. Aufbruch ist da natürlich No-Go, eher innerer Einbruch. Das Klavier wird von Elina Johansson in der Tradtition bekannter Grand Dames der Pop-Historie wie Tori Amos bedient. An den Tasten leidet es sich wohl für immer am besten. Wenn noch Schweden als Herkunft im Pass steht, ist nahezu Verlass auf Feingeistiges ohne Verfallsdatum.
Neben all der zelebrierten Trauer muss doch irgendwo Platz für das Wort Fest in Festival sein. Das gibt es als quasi Rausschmeisser der netten Spot-on-Denmark-Reihe im Knust dank Turboweekend als Samstags-Headliner. Das Programm verdreht das, was der Bandname versprechen könnte. Kein zappelnder NuRave, der außer Knarzen nichts hält, was er verspricht. Turbo sind eher die überwiegenden Kompositionen, welche deutlich tanzbar und agil schallen, aber dennoch klassisches, potentes Songwriting atmen. Mit elektronisch verstärktem Unterbau fliegen die Pophits in spe wie „Trouble Is“ und „Up With The Smoke-Down With The Ash“ durch die Bude. Sänger Silos hievt auch die weniger starken Tracks mit seinem naturgebenen Charisma, welches zwischen tanzfreudigen Schuljungen und konzentriertem Mikrohalter pendelt, Richtung Daumen hoch.
Und was war noch? Nichts, wo man sich nicht vorstellen könnte, wie die Lage ausschaut. Bei Emiliana Torrini schreien die 15-Jährigen nach dem „Jungle Drum“, die Editors geben den Upper-Class-Neo-Wave im proppevollen D-Club, Jose Gonzales soll mit seinen Akkustik-Intimitäten eine Kunststoff-O2-Arena beglücken, Olafur Arnalds klaviert sich vor einem gaffenden Sitzpublikum etwas unpassend in die Nacht, und Seasick Steve gibt einen den Entertainment-Glauben an alternde Ex-Knackis zurück. Klingt bunt – war es auch. Und wie steht an einem Haus Richtung Reeperbahn: Gesund ist bunt.
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Die Hände offen halten, gierig raffen oder sich holen, was bei 4 nicht hinter den Bäumen ist – Nehmen ist gut, Geben tut das jedoch ebenso. Schenken macht frei und angeblich schön. Doch Vorsicht: Schenken ist nicht gleich schenken. Da steckt der Unterschied weit unter der Ringelschleife.

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01] Das versöhnliche Geschenk:
Nach dem Krach am Ehebett oder der Ohrfeige vor der Partymeute gibt es nur eines, was die Situation wieder begradigt – eine Geste der Versöhnung. So staubig und soap-opera-like es sich auch liest, die Friedenspfeife in eingepackter Version macht sich weiter gut, und ersetzt ein übertriebenes „Pardon“ auf Knien (ist dennoch das winselnde Schoßhündchen unter den Geschenkeformen).
Gerne gewählt: Rote Pflanzen (Rosen, Nelken), Pralinen, ein Essens-Gutschein
Nicht an: den Chef, den One-Night-Stand von letzter Woche
02] Das alberne Geschenk:
Wenn man sich keine großen Gedanken oder Mühen machen bzw. den Clown aus der Torte springen lassen möchte, wählt man ein Präsent, welches dumm und gerne auch dümmer ist. Wo die Stirn des Beschenkten ein runzelndes Fest feiert und dieser im Stillen nicht weiß, ob laut gelacht oder leise Galle gespuckt werden soll. Ein bißchen Spaß unter dem Geschenkpapier darf mal sein, sollte jedoch nicht zum ständigen Running-Gag mutieren.
Gerne gewählt: Sexualspielzeug, 1 Euro-Artikel, Restposten
Nicht an: die Schwiegereltern, die Ehefrau
03] Das Genie-Geschenk:
Man hat Ideen und will in allem besser sein, selbst im Schenker-Sein. Nichts mit abgenudelten Durchschnittsstoff, welcher ebenso von den Eltern oder Nachbarn hätte kommen können. Das überraschte Gesicht beim Auspacken, die Bewunderung allerorts ist Triebfeder und lässt parallel den allgemeinen Druck stetig wachsen.
Gerne gewählt: Selbsterfundene Hilfsmittel der individuellen Sorte wie unbekannte Maschinerien oder selbstentwickelte Versuchsreihen
Nicht an: Bekanntschaften, sich selbst
04] Das überladene Geschenk:
Kingsize ist was für Amateure. Kleinkram und geschenktes Fingerfood langweilt, und so packt man ein, was Rahmen sprengt bzw. andere Konten implodieren würde. Es ist wie die ausgestreckte Hand aus Platin oder die Golddusche. Trotzdem wirkt es wie das natürlichste des Tages, schließlich gönnt man dem Anderen ja sonst nichts bzw. wer definiert schon Protzbrocken?
Gerne gewählt: Immobilien, 5-Türer, Modekollektionen, Inseln
Nicht an: die-Partnerschaft, dem Haustier
05] Das fiese Geschenk:
Geschenke können gerne mehr sein als nur lieblich gemeinte Streicheleinheit. Werden vielleicht mit dem Halbgrinsen überreicht, zeigen nach dem Schleifchenlösen dann aber Stacheln und Stinkefinger im Doppelpack. Sollen Problemzonen offenbaren und Seitenhiebe als ganze Lattenroste umfunktionieren.
Gerne gewählt: Hygieneartikel, Mülltüten, Sterbeurkunde
Nicht an: Arbeitskollegen, gute Freunde
06] Das offensichtliche Geschenk:
Etwas zu überreichen kann mit Pomp und Anmut passieren, genauso aber mit der naturgegebenen Langeweile oder Sonntagsatmosphäre. Schenken ist halt Pflicht und gehört sich so. Muss praktisch sein, funktionieren und Sinn machen.
Gerne gewählt: Handtücher, Socken, Krawatte
Nicht an: den Schwarm, die Kinder
07] Das Fettnäpfchen-Geschenk:
Treudoof und mit guten Absichten steigt man in die Schenkungsarie und landet schlußendlich doch wieder bei der Ernte von Spott, Enttäuschung und Kopfschütteln. Wenn man unter vier Augen von einem Intimpilz hörte, ist das Überreichen einer teuren Spezialsalbe nett, ebenso aber reichlich unpassend. Und nach einer Scheidung macht sich eine verpackte Premium-Mitgliedschaft bei New-in-love.com allenfalls naiv.
Gerne gewählt: Dinge, die schon eingepackt doof aussehen
Nicht an: Menschen, die einem wichtig sind
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Sollen sie dich doch beschimpfen, erniedrigen oder im Endeffekt nur nicht verstehen. Dich reduzieren auf deine selten nachvollziehbaren Werbeaktionen. Dich als fremd kreiertes Objekt zwischen SM-Trash und 90er-Jahre-Subunkultur wahrnehmen. Als Sängerin, die ihre Lieder nicht ernst meinen kann bzw. die junge Zielgruppe mit querpolierten Eurodance-Songs samt Zungenschlag bitte nicht in die Irre führen soll. Ein dubios wirkendes Spiegelbild als Idol darf nicht gut gehen. Geht es aber, nicht grundlos wird „Pokerface“ an der internationalen Top-Single 2009 kratzen. Das wandelnde Fragezeichen nutzt die überschaubar prodzierten Tanzkroketten nur als Mittelsmann zum künstlerischen Zweck. Schließlich liebt sie genau das: die Kunst.
Während weibliche Dauergänger wie Beyonce Knowles ständig was von großer Tiefe, Weiterentwicklung und Liebe zur Musik vorraunen, bist du es liebe Gaga, welche uns kein Huhn als Ei verkauft. Du verweist auf Andy Warhol und Queen, einen imaginären homosexuellen Lifestyle und das urbane Treiben in sozialen Nebenschichten, billige Slogans die Aufsatzstoff bieten. Du verkleidest dich, bist der Bruder, den niemand möchte bzw. die Tochter, an der jeder verzweifelt. Machst Typen Angst, wirfst Zweifel auf. Das ist mehr als Marusha, Madonna und Lolo Ferrari zusammen je stabeln könnten. Du trägst abwischbare Burlesque-Kleidung, Glitzerstäbe und Kopftücher -parallel. Hast den Badeanzug wieder schalom-fähig gemacht, von Perücken ganz zu schweigen. Wen interessiert schon, wer die Person wirklich ist, die bei den MTV Awards Kunstblut ausschwitzt, und angeblich mit Marilyn Manson auf Friedenspfeife ist. Die Person, die Verträge von TV-Sendern vorgehalten bekommt, die strikte Busenverdeckung intus haben. Die gesamte Wahrheit ist so schrecklich berechenbar, darum bleib noch eine gute Saison der Konventionen-Schreck auf dem Thron. Be- statt nur wundern wird man dich erst eine gute Dekade später, wenn wieder die graue Feminenz das kommerzielle Ruder übernommen hat und der nötige Abstand herrscht, um zu sehen was wir an dir hatten, kleines Biest.
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