Corvonism

WWE UNDERTAKER’S REST IN PEACE TOUR 2009: HAMBURG: COLOR LINE ARENA: 13.11.2009

WWE UNDERTAKER’S REST IN PEACE TOUR 2009: HAMBURG: COLOR LINE ARENA: 13.11.2009

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Manchmal stellen Menschen zu viele Fragen.

Was – dieses Catchen gibt es noch?

Kann man dieses US-Bollobuilding-Kostümschau auch mit über 18 gut finden?

Ist das wirklich alles nur Show?

Findet man was an diesen seltsamen halbnackten Typen und übertrieben glamourös gestylten Uschis?

Dolph Ziggler

Auf alles ein saftiges Ja plus Ausrufezeichen. Wrestling ist und bleibt weiterhin der best inszenierteste Unterhaltungssport weltweit. Da treffen herrlich oberflächliche Schauspielleistungen im Muskelkostüm auf akrobatisches Können und hannebüchene Storylines, welche das Leben leider selten schreibt. Dafür kann man nie zu alt sein, nur alles zu ernst nehmen bzw. plötzliche unangebrachte Erwartungen an eine Branche setzen, die sie gar nicht erfüllen möchte. Wer sich vor Männern in Stahlkäfigen oder auf wenig bruchsicheren Kommentatorentischen fürchtet, Rollenspiele mit Vorsicht genießt bzw. nicht verstehen kann, warum Frauen sich ohne Öl oder Schlamm quer auf ein paar qm schubsen müssen, dem bleibt die Aktiengesellschaft WWE weiterhin als das große Fragezeichen zurück.

Entgegen der rückläufigen Verkäufe der zahlungspflichten TV-Großveranstaltungen und einem Absinken der DVD-und allgemeinen Merchandise-Einnahmen, erfährt der Boom der frühen Neunziger seine Rückkehr in Deutschland. DSF, Eurosport, einer größeren Produktpallete samt Promomaschinerie und der erneut familienorientierteren Ausrichtung sei Dank, verzeichnet Wrestling hierzulande ordentlich Wachstum. Extrem, blutig, sexistisch oder unterirdisch beleidigend war gestern. Der Sport soll zurück auf die Tauschbörsen der Schulhöfe und in die investierfreudigen Kinderzimmer. Figuren, Poster, Sticker, Sammelkarten, Videogames, Shirts und Discsets – kommerzielles Ende der Fahnenstange ist Fremdwort. Auch okay so, dafür ist bzw. so bleibt man Fan.

Rey Mysterio

Freitag, der 13. Die Color Line Arena ist mehr als gut besucht und besonders auffällig gut gestimmt. Und das trotz teilweise mehrstündiger (erfolgloser) Wartestunden in der Novemberkälte zur nachmittäglichen Autogrammstunde Nähe des Hauptbahnhofs. Die Rey Mysterio-Masken sitzen genauso wie die Unmengen an ausgewaschenen Undertaker-Shirts. Da kann es ja losgehen. Smackdown!-Ringsprecher Tony Chimel wechselt mimiktechnisch zu gerne zwischen versteckt albern und plötzlich bierernst. Vor allem wird inzwischen zu gerne zwischen Match und Werbetrommelrühren geswitcht, der produzierte Spuk am Ausgang muss schließlich weg.

Es ist nicht unbedingt die Tour der großen Namen. Triple H und John Cena fehlen kaderbedingt genauso, wie Shawn Michaels und Randy Orton. Das scheut nicht. Ist schließlich das Phänomen und Deadman in einem – der Undertaker – als das altehrwürdige  Zugpferd mit an Bord, da kann nicht viel schief gehen. Eröffnet wird mit einem flotten Triple-Threat-Match um den wieder relevanteren Intercontinental-Title, wo der erfolgreich als Massenliebling etablierte John Morrison seinen Gürtel gegen den noch euphorischer bejubelten Matt Hardy und überzeugend überzogenen Egomanen Dolph Ziggler verteidigt. ECW-B-Stars haben es bekanntlich schwerer. Nicht jedoch, wenn man Mit-Neunziger Star Goldust an Bord hat, ihm Athletikwunder Shelton Benjamin an die Seite stellt und mit Ezekiel Jackson den beeindruckendsten Oberarm-Batzen im Team plus selbstüberschätzenden Schönling Zack Rhyder als Kontrahenten anbietet, und Erstere auch noch den Sieg einfahren. Drew McIntyre hat die krasseste Stimmfarbe des gesamten Rosters, mit Finlays Hilfe sogar den lautstärksten Zweitnamen als „Weichei“.  Macht nichts, die Chefunterstützung durch Vince McMahon ist ihm gewiss und so geht Drew trotz ewigem Geplänkel wie verbalisiertem Deutschlandhass zwischen den Aktionen als Sieger heimwärts. Die Divas können meist nur kurz für Aufmerksamkeit sorgen. Lediglich Mickie James bleibt seit ihrer Top-Fehde vor gefühlten 10 Jahren allgemeiner Applausmagnet. Mit der deutschstämmigen Katie Lea Burchill, die hier überraschend als Gute agiert,  im Tag-Team gegen Women’s Champion Michelle Mc Cool und Glamzone Beth Phoenix. Da wird offensichtlich, dass die weiblichen Main Events für 2010 positiv gesichert sind.

Fannähe als Grundsatz heißt es bei Rey Mysterio, der unabhängig von Titelgeschehen oder großer Airtime, der Held der Prä-Pupertätsgruppe bleibt. Sein ehemals bester Freund und nun Erzfeind Batista will mit seinem kaltblütigen neuen Image noch nicht ganz zünden, tut aber aktionstechnisch schon mal alles dafür. Eine Disqualifikation als Matchausgang kommt heel-typisch immer gut, und so sind es nochmal John Morrison und Matt Hardy, die dem Maskierten zu Hilfe eilen. Auch Mr. Ziggles und Rhyder hauen kurzfristig noch einmal mit ins wilde Treiben. Doch die euphorischen kleinen Fans, Unmengen Handycams, Maskenverteilung, Umarmungen und eine Kinderfreundlichkeit, die Mutti zu Tränen rührt, sind es vor der Pause, die zeigen, warum Rey einfach einen wasserdicht abgeriegelten Vertrag benötigt.

Diva Tag Team Match

Für alle, die zwischen Toilette und Burgerstand zu lange brauchen, verschließt sich leider der unfassbar intensive Buh!-Yeah!-Wechselkurs beim ECW-Titelkampf zwischen Captain Charisma Christian und Dauergriesgram William Regal. Matchtechnisch bleibt weniger in Erinnerung, dafür köchelt die Stimmung trotz dem sonst eher mauen ECW-Bonus amtlich. What’s up? R-Truth weiß es. Neuling Eric Escobar ebenso. Nur, dass Letzterem außer der Wut über eher den Rekordsieg seines rappend-tänzelnden Gegners nicht viel bleiben wird.

The Undertaker

Und dann kehrt der Mann ein, der seit knapp 20 Jahren mit durchgehend einem Grundcharakter auftritt, doch ebenso durchgehend als halb-lebender Grund für verkaufte Tickets gilt. The Undertaker. Was wäre er ohne seinen Gong,  Mantel, Nebel und dem getragenen Einmarsch? Der Sarg steht schon bereit. Schließlich muss Straight Edge-Überzeugungskünstler CM Punk in einem Casket-Match ran. Und das bedeutet erstmal: Fluchtverhalten. Das können die vermeintlich Bösen ja über die drei Stunden Show reihum perfekt. Doch keine R.I.P.-Tour ohne ihren würdigen Sieger. Die World Heavyweight Championship bleibt bei dem Mann in Schwarz. Und dann, Licht an, Spot aus, Ring abgebaut. Und die erneute Erkenntnis, dass man all die trantütig typischen Fragen von Unwissenden getrost ignorieren kann, solange man selbst drei-stellig ausgegebene Beträge für schlau investiert hält.

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TROELS ABRAHAMSEN: STARS: VORDINGBORG: DÄNEMARK: 24.10.2009

TROELS ABRAHAMSEN: STARS: VORDINGBORG: DÄNEMARK: 24.10.2009

Troels

Kleinstädtisches Oberstufen-Stand-In.

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Was tut man in einer dänischen Hafenstadt, welche knapp 46.000 Einwohner zählt, jedoch offiziell nur ihren gut erhaltenen Gänseturm als Wahrzeichen und halbes Sightseeing-Ziel anbietet? Genau, durchfahren oder gar nicht erst kennen. Ist man jedoch am Soloprojekt der männlichen VETO-Frontale Troels Abrahamsen interessiert und scheut sich nicht vor Grenzübergängen, muss man eben doch einmal dort einkehren, wo alles über 21 scheinbar schnellstmöglich auskehrt.

Die ortsansässige Schülerzeitung scheint der aktuellen Oberstufe das Samstagskonzert zumindest ans Herz gelegt zu haben. Das Stars strahlt zwar nicht ausgebucht, dennoch ist die Raucherecke des Schulhofs fast komplett vertreten. Der kleine Ole, die kräftige Anneke und wie sie alle heißen. Da lässt Troels sein Merchandise-Angebot verständlicherweise gleich im Tourbus, packt dafür in der gut gefüllten Stunde alles raus, was zu erwarten war. Und im Grunde noch viel mehr. Schließlich kursierten so manche Gerüchte über die Abkehr vom raffinierten Clubsound Richtung Singen plus Songschreiben. Doch damit die brav stehende Meute was zum Tänzeln hat, wird dem Netzgerede die lange Nase gezeigt, entwickelt sich der albumgerecht vorgetragene Einstieg mit den lieb gewonnenen Soft-Elektronikperlen schließlich nach und nach zur ausgedehnten Sause ohne Auge auf Uhr und Songaufbau. Da mutiert das angeblich nerdige Laptop-Flackern und Knirschen im Downtempo unter dem sentimentalen Singsang wie von selbst zur vollmundigen Beatbox. Anbiedernd? Mitnichten. Dafür steckt noch immer zuviel Hirn unter jedem Schlag und fehlt der verstrahlte  Chicorio-Sonnenbrillen-Charme am Mikro. Rumms. Musik aus, Jugend weg. Nein, alle weg. Wie wäre es mit Kopenhagen?

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ARCHIVE: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 18.10.2009

ARCHIVE: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 18.10.2009

archive

Vorbildlicher Schichtsalat.

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Es gibt Bands, die sind so gut, dass man es den Massen gar nicht vorenthalten kann. Ebenso dann die Bands, welche anscheinend wieder zu gut für den allgemeinen Mob zu sein scheinen. Im Falle von Archive dann eher zu vielschichtig, zu abwechslungsreich und zu festlegungsfrei, um spartentechnisch wirklich Platz zu finden. Von allem ein bißchen mischen, versuchen viele, bleiben dabei oft aber zu inkonsequent oder beliebig, um dauerhaft als künstlerisch relevant durchzugehen.

Und was tut man eigentlich, wenn man die Platte in der Hinterhand hat, welche sich von einer netten Songsammlung zu dem dichten Hitbatzen mausert, der nach und nach die inoffiziellen Jahrespoll-Charts aufwärts klettert? Man wühlt eben bei der Zusammenstellung der Live-Setlist nicht im namentlich passenden Archiv-Dickicht, sondern bedient sich dem Material, welches am nächsten liegt. „Controlling Crowds“ in chronologisch und fast kompletter Aufstellung – ein schlauer Schachzug – bietet das proppevolle Stück Musik eben alles, was unter progressiven Epic-Pop irgendwie zu verstehen sein könnte.

Die Briten von Archive handeln nie halbherzig oder reissen Ideen nur zwecktechnisch an, sie füllen den Begriff Künstler auch oder gerade nach 15 Jahren Bandgeschichte erstaunenswert aus. Wenn neun Mitglieder in den Sound integriert sind, kann das interessant, live aber auch gerne überfordernd und überladen rüberkommen. Doch hier sitzt einfach alles: die agile Light- und Videoshow, das mit sichtlicher Leidenschaft funktionierende Treiben des Kollektivs, die Euphorie des Publikums, welches überwiegend nicht zum Jungvolk, sondern  zur angehenden Oil Of Olaz-Generation gehört, und wesentlich das aktuellen Album-Material. Spätestens live wird klar, wieviele Details sich in gute 70 Minuten packen lassen. In dem Moment, in welchen „Bullets“ mit den auftürmenden Gitarrenläufen als tanzbarer Rock durchgehen mag, greift sich „Collapse/Collide“ atmosphärebedingt die Sterne und all das dahinter, während „Bastardised Ink“ das treibende Rap-Teil mimt, auf dessen Beat die Westcoast neidisch schielen dürfte. Eine bessere Werbung für eine Scheibe, die nach Konzeptalbum riecht, all die negativen Begleiterscheinungen genau dieser jedoch ad acta legt, war nicht zu erwarten. Das setzt schlußendlich für die treuen Fans noch eine Handvoll alter Hymnen, die jedoch eines offenbaren: das Hier und Jetzt kann manchmal so viel spannender sein.

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INTRO INTIM: HAMBURG: PRINZENBAR: 15.10.2009

INTRO INTIM: HEALTH/FUCK BUTTONS/LE CORPS DE FRANCOISE/PICTUREPLAN: HAMBURG: PRINZENBAR: 15.10.2009

health

Festival der Hiebe.

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Von Krawall und Remmidemmi kann dir jeder was vormachen, von der Lust auf Ohrenalarma ebenso. Wenn es dann mal wirklich fiept und knackt, drehen sich die Pseudo-Harten unter die Kapuze oder eben Kopfhörer mit Muse drauf. Seitdem Indie mehr und mehr zum missachtenswerten Genre verkommt und als wirklich unabhängig nur die Beziehungsumstände auf den zugehörigen wöchentlichen Motto-Feten durchgehen, ist schlau inszenierter Krach die potentielle Alternative. Schließlich mag nicht jeder Hardcore und vor krassem Electroclash schaudert es vielen weiterhin. Die viergeteilte Sause für all die Musikkenner dazwischen, wird ausgerechnet vom weiterhin Kostnix-Musikmagazin Nr.1 – der Intro – als Festivalreihe veranstaltet.

Und was dabei rauskommt? Nicht weniger als gute drei ungeheuer intensive Stunden Klanggewalt. Angefangen bei  dem weiblichen Dreiergespann von Le Corps Mince De Francoise aus Helsinki, die gleich mal klar machen, wie man elektronifizierte Popmusik tanzbar und dennoch künstlerisch nicht unbrauchbar auf sechs Beine stellt. Songtitel wie „Bitch Of The Bitches“ lassen wir mal im Hintergrund. Wenig Platz und trotzdem viel Gas, das scheint die Devise. Beim Ein-Mann-Projekt von Pictureplan ist die Bezeichnung Gothic-Dub-House genauso wenig passend, wie die Performance an sich. Zwei Tage später in einer hochprozentigen 2 Uhr-Session würden die Beats wohl eher zünden.

Richtig lodern oder eher Wall-Of-Sound-mäßig mähen tun dann die Jungs von Fuck Buttons, welche beweisen, dass live erleben auch 2009 eine Kunststoffpressung nicht ersetzen kann. Da lässt sich nämlich nur ansatzweise erahnen, mit welchem Druck, welcher Wucht und welchem komplexen Tohuwabohu-Effekt die Buttons genommen werden. Teilweise zu ausgedehnte Flächen, die sich gar nicht weiter aufbauen können. Nennt es psychedelisch, seltsam verworren und so dicht, dass man das Songkonstrukt hinter all dem gestapelten Irrsinn nicht mehr suchen mag. Letztlich war das bereits das Highlight, welches 16 Euro gerechtfertigt hätte.

Doch keine Noise-Runde ohne Health, welche ihren akuten Karriereschub wohl selbst eher hinnehmen als ganz nachvollziehen können. Steriler Vernissage-Pop auf dem Laufsteg war angeblich gestern, heute dürfen ggf. Krawallmatzen wie die Karlifornier von Health den Soundtrack zum Gutaussehen und Gutausgehen vorstrecken. Die Scheibe „Get Colour“ ist bereits der manifestierte Beweis für schräg angenervten Drum-Rock, der kompakt auf die Barrikaden, im ungünstigsten Moment auch kräftig auf die Nüsse geht, und dank den entrückten asexuellen Stimmlinien die Mische kreiert, die eben ab sofort als hip abzuhaken ist. Großstadtflair klingt wohl so. Mit „Die Slow“ ist nicht nur ein treibender Hit, mit „In Violet“ sogar so etwas wie ein halbgekochtes Stück Epik geglückt. Der Spuk ist leider schneller vorbei, als den breakfreudigen Prinzenbar-Besuchern lieb zu sein scheint. Sei’s drum, kurz und schön schmerzhaft, bevor der ungewollte Nervfaktor einzutreffen droht.

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THE XX: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 14.10.2009

THE XX: HAMBURG: ÜBEL UND GEFÄHRLICH: 14.10.2009

xx

Der Anfang könnte das Ende sein.

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Plötzlich ist der Hype da und keiner will dran schuld sein. Erklären kann sich nämlich niemand, woher das akute Emporsteigen der derzeit heißesten The-Band Londons- welche weder eine wirkliche ist, noch sich selbst dazu zählen würde/sollte – nun genau her kam. Ab dem Tag X sah man selben Buchstaben groß in weiß auf schwarz und das überall. Ganz ohne eifrige Radio- oder TV-Rotation, eher durch blitzschnelle Mund-zu-Mund-Propaganda, war die Band aufeinmal allgegenwärtig. In knapp 8 Wochen auf nahezu jeden Rechner des musikinteressierten jungen Menschen, das darf schon was heißen. Das Dubiose an der Sache: Das sogar mit Rechtfertigung. Schließlich sind die 11 Songs des selbst betitelten Debüts erschreckenderweise durchgehend gut bis großartig. All Killer, No Filler.

Die auf das Wesentliche runter reduzierten und produzierten poppigen No Wave-Stücke lassen viel Platz zum Atmen, geben im Background lediglich eine künstliche Nebelschleife ab – zum Lachen geht das +/- volljährige Quartett nämlich sicher überall hin, nur nicht in den Proberaum. Kompakte Soundskelette zum Wohlfühlen > auch live?

Das erfährt man nach Holly Miranda. So lieblich wie auf den Promofotos grinst sie sich auch heimlich im Vorprogramm durch ihr ebenso überschaubar instrumentiertes Set. Zwei Gitarren und zwei Stimmen, das darf reichen. Tut es auch. Holly zeigt all den dünnstimmigen Püppchen, was neben langen Haaren und parallel langen Beinen eine ausdrucksstarke Vokalharke ist. Kompositorisch noch teilweise durchwachsen bis wenig songorientiert, doch das handwerkliche Potential ist schon da.

Die Hütte ist ausverkauft, von bis zum Bersten gefüllt jedoch noch weit entfernt. Da hätte man von Seiten der Veranstalter dem ein oder anderen in der Kälte erfolglos Wartenden ja noch ein kleines Geschenk zum Mittwoch Abend bereiten können. Die Band des Abend wird zeitgleich mit dem beschenkt, was es selten ohne Hintergrund gibt: Jubel, Lob und Klatschalarm. Nur so richtig Bewegung will nicht einkehren, dafür wird den Indie-Hits in spe einfach zuviel Aufmerksamkeit zwischen den Tönen gegeben. Sei’s drum.

Jung, unerfahren und kaum erfolgserprobt. So kann der inoffizielle Siegeszug doch fast nur daneben gehen. Geht er aber nicht. Das Unfertige und noch nicht Durchchoreographierte in der Stunde XX macht sympathisch. Da schaut man über die Hüftsteife, einigen verkappt aufgeregten Mimiken am Mikro und dem dank fehlender/unpassender Lightshow wenig atmosphärischem Rahmen auch hinweg. Allen Bedenken zuwider werden die Songs live albumgerecht  inszeniert. Keine Club-Remixe, keine übertriebenen Experimente, so roh wie  bekannt. Da sprechen Perlen wie „Crystalised“ und „Infinity“  eben für sich. Unterm Strich nicht die hippe Fete, die man erahnte, sondern der Beweis, dass man gutes Songwriting nicht kaufen kann und nicht wie gecastete Halbstars ausschauen muss. In drei Monaten die Auflösung bekannt geben und man hat fast alles richtig gemacht.

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REEPERBAHNFESTIVAL 2009: HAMBURG: 24.-26.09.2009

REEPERBAHNFESTIVAL 2009: HAMBURG: 24.-26.09.2009

Reeperbahnfestival.

Von der Skyline über den Bordstein und zu oft zurück.

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Drei Tage Reeperbahnfestival bedeutet für jeden etwas anderes. Das Gute vorweg: der Sommer ist vorbei, hier gibt es kein Campinggelände und somit kein Heringstechen und Klostehen. Aber letztlich kein Festival ohne Zeitplan im Hinterkopf bzw. Stechuhr als Antrieb. Für Otto-Normal-Musikhörer sind der Donnerstag bis Samstag einfach das livehaftige Überraschungsprojekt, bei Musikfreaks eher Rennen samt Ärgernis. Große Leerphasen treffen mehrfach gestapelte Highlights. Da heißt es abwegen. Mit Glück hat man dann rückblickend die korrekten Entscheidungen getroffen.

Gut getroffen war z.B. der Auftritt des Fleet Foxes-Drummers J. Tillman. Die These, dass die Typen hinterm Schlagzeug solotechnisch meist belangfrei agieren, wird eher selten wiederlegt. J. tut das. Nicht lautstark, nicht triumphierend, eher im klassischen Singer/Songwriter-Stil. Wo Blues und Semi-Country latent den Ton abgeben. Wo nicht der einzelne Track im Vordergrund waltet, sondern die gesamte Atmosphäre dank Hall und Zweistimmigkeiten zum Zerschneiden bereit steht.

Soloding die Zweite: Ramona Falls. Brent Knopf, Menomena-Gründungsmitglied, hat sich von seinen verschrobenen Soundmixturen losgesagt, den Obskuritäten entkleidet und steht schlacksig und songtechnisch halbnackt in der kleinen Hasenschaukel. Spätestens live entwickeln Perlen wie „Russia“ (!) oder „Going Once, Going Twice“ ihre ganze Leidenschaft. Mit den Dear Reader-Mädels im Background, wenigen kleinen Verspielern und einem Schlagzeuger, der sogar den nahestehenden Ofen mitverwendet, werden die 45 Minuten zum Gefühls-Stand-In der sympathischsten Gattung.

Und wenn man schon beim Emo-Thema ist, da können Dear Euphoria nicht weit sein. Aufbruch ist da natürlich No-Go, eher innerer Einbruch. Das Klavier wird von Elina Johansson in der Tradtition bekannter Grand Dames der Pop-Historie wie Tori Amos bedient. An den Tasten leidet es sich wohl für immer am besten. Wenn noch Schweden als Herkunft im Pass steht, ist nahezu Verlass auf Feingeistiges ohne Verfallsdatum.

Neben all der zelebrierten Trauer muss doch irgendwo Platz für das Wort Fest in Festival sein. Das gibt es als quasi Rausschmeisser der netten Spot-on-Denmark-Reihe im Knust dank Turboweekend als Samstags-Headliner. Das Programm verdreht das, was der Bandname versprechen könnte. Kein zappelnder NuRave, der außer Knarzen nichts hält, was er verspricht. Turbo sind eher die überwiegenden Kompositionen, welche deutlich tanzbar und agil schallen, aber dennoch klassisches, potentes Songwriting atmen. Mit elektronisch verstärktem Unterbau fliegen die Pophits in spe wie  „Trouble Is“ und „Up With The Smoke-Down With The Ash“ durch die Bude. Sänger Silos hievt auch die weniger starken Tracks mit seinem naturgebenen Charisma, welches zwischen tanzfreudigen Schuljungen und konzentriertem Mikrohalter pendelt, Richtung Daumen hoch.

Und was war noch? Nichts, wo man sich nicht vorstellen könnte, wie die Lage ausschaut. Bei Emiliana Torrini schreien die 15-Jährigen nach dem „Jungle Drum“, die Editors geben den Upper-Class-Neo-Wave im proppevollen D-Club, Jose Gonzales soll mit seinen Akkustik-Intimitäten eine Kunststoff-O2-Arena beglücken, Olafur Arnalds klaviert sich vor einem gaffenden Sitzpublikum etwas unpassend in die Nacht, und Seasick Steve gibt einen den Entertainment-Glauben an alternde Ex-Knackis zurück. Klingt bunt – war es auch. Und wie steht an einem Haus Richtung Reeperbahn: Gesund ist bunt.

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FALL OF EFRAFA: HAMBURG: ROTE FLORA: 30.08.2009

FALL OF EFRAFA: HAMBURG: ROTE FLORA: 30.08.2009

Fall Of Efrafa

Abschiedswort: Gewaltig.

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Das Ende zu verdrängen ist gefährlich, letztlich jedoch reiner Selbstschutz. Das Ende zu erahnen wirkt dagegen wie ein latenter Stimmungsbarometer. Das Ende aber zu wissen und die quasi finale Runde mitzunehmen, ist irgendwas zwischen gewollter Körperverletzung und den Tatsachen in die Augen schauen.

So überraschend gut besucht, wie Hamburgs Rote Flora, da war weniger mit Sehen, als mit Hören. Das muss auch ausreichen, schließlich kommen die potentiellen Bilder dazu wie von selbst.Und diese sind weitab von lieblichem Winken und Tränen im Knopfloch. Da setzt es eher das gewünschte Kopfloch.

Wer will Sludge schon exakt definieren bzw. sagen, ab wo Crustcore emotional wird. Die Briten von Fall Of Efrafa spucken auf kurze Technikdefizite. Tun tontechnisch das, wofür ihre Trilogie letztlich steht. Wenn sich zwei streiten, freut sich die Dritte. Der satte Batzen fesselnder Klangwelten, welcher zwar kratzt und tief gräbt, gleichzeitig unnötige Blutsequenzen gekonnt außen vor lässt. Hart, aber schmerzlich. Sie fallen tief, ziehen sich im nächsten Augenblick doch aus dem herrlich zuckenden Sumpf, in welchem sich die Brüder im Geiste Cult Of Luna ähnlich wohl fühlen. Efrafa ist gestürzt, die LP-kauffreudigen Besucher am Merchstand im Anschluss eher bestürzt. Wo wir wieder beim Anfang wären: Das Ende darf gerne ein bißchen weh tun, danke dafür.

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DEFTONES: HIGHFIELD FESTIVAL: ERFURT: 23.08.2009

DEFTONES: HIGHFIELD FESTIVAL: ERFURT: 23.08.2009

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Die Toten Hosen sind der lebendige Abgesang auf einen Festivalstandort. Dort wächst kein Gras mehr. Muss auch nicht, schließlich waren sie da. Die, wo nie New Metal waren. Die, denen ihre Fans tatsächlich was bedeuten, das aber Lässigkeit und Natur gegebener Coolness sei Dank nicht raushängen lassen müssen. Die, denen man jedes noch so verkackte Konzert nicht ewig nachhält, im besten Falle sogar zum Kult mutiert. Die, die musikalisch schlauer sind, als ihr Musikbiz-Freundeskreis es je sein wollte. Die, welche noch immer nicht den großen Karrierefehler begangen haben. Genau die, welche durchgehend authentisch agieren, ohne transparent zu sein.

Und doch kam fast alles anders als geahnt. Keine kurzfristige Absage. Kein desolater Chaosauftritt im Halbrausch. Keine Verweigerung oder Lust auf Angriff. Sentimentaler Gossip von Chis Krankenbett bleibt bewusst außen vor. Typischer Ami und parallel Dauersympath Chino ist guter Dinge, sehr guter sogar. Er genießt Sonne, blauen Himmel und das Menschenmeer. Grinst und winkt mehr, als der 3-Tages-Timetable erlaubt. Er trägt entgegen aller Gerüchte keinen dicken Ranzen vor sich her, sondern wippt 1999-würdig in den fest sitzenden Kniestrümpfen und ist sichtbar in skate-affiner Sommerlaune. Wenn es den Bands besser geht, als den Zuhörern, fällt doch angeblich die Relevanzkurve. Aber ach, dafür kommen „Be Quiet (And Drive Far Away)“, „My Own Summer“, „Elite“ und all die anderen klassischen Songfreunde weiterhin viel zu zeitlos. Wer hast schon auf neues Material gehofft bzw. auf den Begriff „Eros“ gewartet? Zu sehen, dass die letzten zuckenden Überreste der Epoche „Adidas-Drecklocks und Baggypants im Psychoblick“ von der guten Seite sind, lässt aufatmen und stimmt…zufrieden.

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ALICE IN CHAINS: HAMBURG: GRÜNSPAN: 10.08.2009

ALICE IN CHAINS: HAMBURG: GRÜNSPAN: 10.08.2009

Alice in Chains 2009

Flashbacks ohne Crackfleck.

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Man kann es alles zum wiederholten Mal durchkauen: Den Sinn und Nutzen ständig neuer Reunions-Fahrten. Gerade, wenn der ursprüngliche Sänger das Mikro nicht mehr halten will bzw. sogar todesbedingt nicht mehr halten kann. Dann Grunge, der ähnlich wie New Metal eben eine musikalisch längst abgegraste und historisch eher zweischneidige Epoche darstellt. Doch wer kann sagen, ob Layne Staley dieses unerwartete Neuaufleben nun tatsächlich verteufeln würde, wieviel Geld den Spaß an der Sache bereits übermannt hat, und ob Wiedersehen nicht auch einfach mal Freude machen darf.

„Ausverkauft“ kann schon mal eine Aussage in sich sein, muss es aber nicht. Gefühlte 47 °C im Schatten des Grünspans entfachen sich kaum grundlos. Allem Anschein nach ist die Nachfrage so groß wie berechtigt. Wenn man ein Konzert platzbedingt lediglich hören und die Bühnenaktivitäten nur erahnen kann, ist das ärgerlich und hilfreich zugleich.

Soll heißen: Vom Eck am Merchandisestand kann man von den vier 90’s-Helden genau nichts sehen. Das kann man der euphorischen Wand tropfender Rücken und belegter Stirnflächen nicht übel nehmen. Schließlich sind wir alle aus einem Grund hier. Das ist weder exzessives Saufen zum Montag, noch die obligatorische Gitarrendosis der Woche. Wenn die Band, die den Spagat zwischen nicht selten abwegigem Rocksongwriting, blei ziehender Atmosphäre  und der gefährlichen Spur Leidenschaft hinter den Tönen durchgehend halten konnte, sich nach einer guten Dekade die livehaftige Ehre erweist, hat man da zu sein. Ob nun direkt bühnennah, fest am Tresen oder halb-beschäftigt auf der Toilette. Es ist eigen und willig zugleich, all die alten Hauer mal fernab vom leiernden Mixtape zu erleben. Man kann Jerry nur erahnen, Sean und Mike ebenso. Zu erschrecken, wie die Jahre an den Herren genagt hat, fällt so mit aus.

Doch Sänger William Du Vall tut das, was niemand glauben oder hoffen mochte – er lässt den 20. April 2002 kurz vergessen. Das Leid, die Verzweiflung und die raffinierten Achterbahnfahrten sind allgegenwärtig, doch keineswegs halbherzig oder pathetisch imitiert. Kein Track ohne ein gerauntes „Yeah!“, der Vorwurf eines seichten Revivals ist Fehlanzeige. Intensiv und nicht altersschwer – Drogenfrei und mit Spaß dabei. Man kann es nicht fassen. „Would“, „Rooster“, „We Die Young“ und „Down In A Hole“ sind zwar historisch, aber ohrenscheinlich noch nicht Geschichte. Denn diese freuen sich. Knackig, glasklar und clean in einem. Alice in Chains sind da. Erinnerungen an den grundsätzlich eher stimmungsarmen Singles-Streifen aber auch, vom selbstzerstörerischen MTV-Unplugged und der dichten Junkwolke von einst ganz zu schweigen. Hier wird gezeigt, wie man auferstehen kann, ohne sich selbst zu pfählen. Oder, wer sind Billy bzw. Axl? Im November geht es weiter. Dann mit Neuveröffentlichung und der Location, die klimatechnisch  nicht gegen ein türkisches Bad anstinken will.

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MELT! FESTIVAL: FERROPOLIS: 17.-19.07.2009

MELT! FESTIVAL: FERROPOLIS: 17.-19.07.2009

melt 09

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REVUE-MENUE.

Ein Schlag fördert das Denkvermögen, ein paar mehr davon angeblich das Gelenkvermögen. Streichen wir das angeblich, schließlich bleibt (f)rohes Abzappeln und galantes Geländeablaufen auch unter dem „The Dirty Dozen“-Slogan 2009 in der Eisenstadt großes Muss. Trotz der erstmaligen „Ausverkauft!“-Position eine Woche vor Festivalstart, wird das offensichtlich, was Veranstalter Matthias Hörstmann auch abschließend am Sonntag zur Pressekonferenz klar macht: Verbesserung ja, Vergrößerung nein. Zumindest ab dem Folgejahr, schließlich zeigte sich das Gelände für die erwarteten 16.000 Besucher deutlich umarrangiert, ausgeweitet, teilweise jedoch platztechnisch fehlinterpretiert. Enge Gassen zu Mitternacht, Ellenbogenattitüde bleibt trotzdem aus. Das Melt!-Publikum ist ja bekanntlich eine Spur über dem typischen Festivalgänger, bei dem Helgarufe und Limbotanz im Emodress als No-Go gilt, und wo kollektive Wut genauso wenig Platz findet, wie beseelte Gänseblümchenaura.

Schade nur, dass viele der Stammgäste dank des internationalen Ansturms eben in die Vorverkaufs-Röhre schauten, war das Line Up 09 kommerziell dermaßen hochkarätig, dass jede vierte Ticketvorbestellung aus dem Ausland einkehrte. So war auf dem Campinggelände nicht das Fluchen über die Dusch-und Klo-Nutzgebühren Thema Nr.1, sondern der Wettbewerb, wer mehr fremdländische Sprachen neben Iglu und Minigrill erraten hat. Gewinner des Freitags waren jedenfalls die feststeckenden Heringe und alles, was sich auf wasserfest reimt. Die Unwetterwarnungen waren kein Alibi, sondern ab 03:30 Uhr sturm-platzregnende Realität. Akuter Abbruch des Festivals schien da nur logische Konsequenz, entertainmenttechnisch waren flitzende Mülltüten und fahrende Tonnen fast ebenbürtig. Grotesk dagegen die Empfehlung eines semi-kompetenten Security-Mitglieds, die Meute solle aus Sicherheitsgründen das Gelände Richtung Zelt verlassen. In genau denen war zumindest feucht-fröhliche Atmo bzw. das Suchen der Einzelteile brachte den Spaß, den Moderat und Trentemöller nun verwehrt blieb.

Das Melt!-Magazin in der Tasche zeigte sich ansonsten gut abgekrabbelt, war man doch stets auf der Hut, die Programm-Highlights nicht zu verpassen. Die neue Geministage, mit ihrem Fake-Glasdach und Nähe zur Hauptbühne, präsentierte zwar einen dubiosen Volksfestanstrich, aber ebenso die Stimmungsgipfel der Stunde. Crystal Castles zelebrierten zwar stimmtechnisch eher mau, der Atariclash platzte dennoch gewaltig durch die Massen. Die sympathischen Edelspacken von Bodi Bill starteten mit Technik- statt Technofiasko, wurden letztlich aber derart euphorisch gefeiert, wie es selbst im Berliner Bang Bang Club nur Wunschtraum wäre. Fever Ray brachte die Dosis Kulturgut in die Samstag Nacht, die nur hinter schwedischen Wohnzimmergardinen entstehen kann. Düster, sich langsam aufbauend, irgendwo zwischen Calypso und Apocalypse Now. Erol Alkan & Boys Noize feierten dagegen die satte Electrosause, die irgendwann durch Dauervollgas auch müde machen sollte oder wollte. Brodinski aus Frankreich wird seinen Daumen hoch-Geheimtippstatus mehr als gerecht. Everybody’s Wuchtbrumme Deluxe Beth Ditto gab samt ihren Gossip alles und oft mehr, mit „Heavy Cross“ auf dem Weg in die deutschen Single-Top 10 sitzt jede Größe gut. Der !!!-Indiediscofunk schrammelt nett, aber nicht bahnbrechend. Die Hauptfrage aber: Wann haben/werden MSTRKRFT denn nun spielen? Antwort bleibt weiter aus. Auch bei den erstmals angebotenen Baggerrundgängen wurden diese nicht gesichtet, genau wie die Foals, welche krankheitsbedingt gar nicht erst anreisten.

Die Big Wheel Stage ließ wenig Fragen offen, sprachen die DJ-Sets überwiegend für sich. A Critical Mass zauberten die verträumten Sphären, die nur vom größten gemeinsamen Nenner Paul Kalkbrenner ligatechnisch übertrumpft werden kann. Den Zustand vor Ort nennt man wohl Völkerball. Hell als Legende, da weiß man was kommt oder eben nicht. Das inoffizielle weibliche Pendant der Landeshauptstadt -Ellen Allien bringt die elektronische Qualitätsmarke in den bewölkten Morgen, die vom Finnen Kiki soundtechnisch zuvor amtlich geebnet wurde. Wem das alles nicht passt, für den bringt der Red Bull-Floor mit seinem kleinstädtischen Beachparty-Flair, entspannende Liegestuhl-Abwechslung.

So glukose-intensiv wie der Namensgeber des großen, frisch inegrierten Zeltes, zeigte sich teilweise auch der Soundspuk auf der Bühne. This Will Destroy You kratzen mehr am Etikett Postrock, als ihn zu demontieren. Angenehm anders abgemischt, ohne an Tiefe zu verlieren. La Roux ist Englands Nummero Uno derzeit und heimlicher Konkurrent zur ähnlich synthiepop-aalenden Little Boots. Wenn auch der Gesang gerne quer läuft, fallen Hits wie das rotierende „Bulletproof“ als Ohrwurm der Stunde ab, vom blitzartig nachgeahmten Rote-Tolle-Look der anwesenden Erstsemestergirls mal ganz abgesehen. Caribou dürfen gerne ganz auf Gesang verzichten, schließlich ist der experimentelle Klangkosmos in Zweifach-Schlagzeug-Besetzung deutlich ertragreicher. Anna Ternheim dockt mit ihren poppigen Singer/Songwriter-Hymnen gut an die ansonsten recht akkustikgitarrenarme Running Order an, nur 4 bis 5 Oooh’s waren vielleicht doch zuviel. Die Fagget Fairys brachten ordentlich Rumms in den Sonntag, auch wenn „Insomnia“ vor Mitternacht im Remix doch wirklich zu gewagt kommt. Miike Snow, drehte mit seinem Cocktail aus Pop, Synthieclash und Electro zünftig auf, aber nicht ab. Kakkmaddafakka klingt erstmal unberechenbarer, als das was live raus kommt.

Hauptsache Hauptbühne? Mal sehen. Die Klaxons traten einst den Begriff  „Nu Rave“ Richtung Musikzirkus, sind selbst inzwischen darüber weg und agieren irgendwo als tanzbarer Sythie-Rock. Röyksopp zeigten, dass sie nicht nur auf den Catwalks der Welt  für den passenden Soundtrack sorgen können, und mehr in petto haben als sterile Hochglanzkeyboards für die Herren ab 30. Für Travis wollte sich dummerweise niemand interessieren, dagegen war es dann das selbst geschaffene Monster Aphex Twin, der das fieseste Klangbrett mit passenden Visuals abfeuerte. Schmerz mit Herz oder doch das absolute Gegenteil, die authentischsten Zuckungen des Abends waren für diese knapp 90 Minuten sicher. The Whitest Boy Alive, sind weiter der Easy Listening-Schunkel-Hype, welcher Fragen aufwirft – weiß und trotzdem farblos. Phoenix liegen da in reichbarer Nähe, gut akzentuierte Popsongs, die um das Wort „belangfrei“ gemustert scheinen. Der obskure Ruf vom Animal Collective wurde bestätigt. Die Fete mit denen ist anders und lebt nicht als Treffen von musikalischen Stereotypen. Sie greifen in viele Richtungen, umarmen tun sie jedoch niemanden, wollen sie ja auch nicht, herrlich.

Bloc Party? Nun, sie hätten vielleicht doch auf ihr DJ-Set setzen sollen, toppen ihre Remix-Scheiben das generelle Schaffen anscheinend mühelos. Ja, Kele, bist trotz Nervfaktor sympathisch. Jeder wollte im Vorfeld Digitalism, ein gewisses Stück bekamen sie auch. Nicht das pumpende Maß aller Dinge, für den Quickie dazwischen aber zu gebrauchen. Patrick Wolf propagiert Liebe, Sex und Freiheit mit seinen ganz eigen Mitteln und direkt von den Highheels aus. Nette Popsongs im Sonnenschein, die ohne all die Extra/ovaganz fast nicht aufgefallen wären. Reden wir bitte nicht über Glasvegas, das sind ihre schwarzen Kluften samt Pathosschmock nicht wert. Polarkreis 18 sind „Allein, Allein“, da wird die spontane Nackedei-Performance eines Besuchers ja parallel mehr bejubelt. Halb London scheint sich für Kasabian parat zu stellen. Der Jubel und die Menschendichte ist fast berechtigt, sind doch Hymnen wie „Empire“ und „Processed Beats“ weiter im Indierock-Relevanz-Rennen dabei. Und dann Oasis. Wo war der Zorn, die Angepisstheit und die liebgewordene Anti-Haltung? Ist wohl irgendwo in der heimlichen Begeisterung der Gallaghers für leuchtende Baggermodelle verloren geggangen. Nicht schlimm, all die Greatest Hits kamen trotzdem wie vom Band. Sie spielen fürs Geld, richtig so. Am Ende aber auch für eine Menge Leute mit wehenden Fahnen und überteuerten Pfandbierbechern  in der Hand. Sind das die, die wir auch 2010 da wiedersehen, wo Beton den Matschmassen Vorrang gewährt. Tja, kommt auf einen Versuch an.

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HURRICANE FESTIVAL: SCHEEßEL: 19.-21.Juni 2009

HURRICANE FESTIVAL: SCHEEßEL: 19.-21.Juni 2009

Hurricane 09

Die liebgewordene Routine in drei Akten.

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Festivals sind und bleiben das, was du draus machst. Als sicher gilt auch 09 potentielle Gefahrenquelle Nr.1: das gute Wetter. Ohne das altbekannte Wechselspiel zwischen Sonnenbrille auf, Kapuze ab und Regenjacke an, wird ja auch kein Open-Air gemacht. Die heimliche Unwetterwarnung zum Sonntag scheint inzwischen Obligatum, das akute mitternächtliche Traktorrennen als Abschluss bleibt eben im Gedächtnis.

Hurricane-Ausgabe 13 war natürlich zahlenbedingt kein Unglückshappening, aber auch nicht das Manifest der Sensationen. Überraschung lauern da, wo groß inszenierte Festivals nicht sind, und so gab es drei Tage solide Unterhaltung, welche jedoch zweierlei offenbarte: Der Vorjahresrekord von 70.000 Besuchern wurde nicht annähernd geknackt, das Durchschnittsalter pendelte außerdem seit längerem wieder weit jenseits der Erstsemesterfete. Die Daumen-hoch-Neuerung war das Investieren in den Ausbau der sanitären Anlagen, so wenig gut gebräunte bzw. ge/bespritzte WC-Sitze wie dieses Jahr durfte man noch nie erleben.

„Legenden mit Leidenschaft“ sollte wohl inoffizielle Überschrift sein, war Scheeßel diesmal vor allem der Sammelpunkt alter Helden und fast vergessener Hymnen. Kraftwerk – für immer als Pioniere elektronischer Musik und anscheinend Ideengeber jeder dritten Band betitelt- lieferten musikalisch das Lehrwerk nostalgischen Futurismus und visuell effektiven Minimalismus. Alle stiltechnischen Hilfsmittel scheinen elitär gewählt und wohl geordnet, etwas schwerfällig für die von fiesen Trashbeats verkorksten Ohren vom Jetzt. Moby fand da schon deutlich mehr Massenanklang, schließlich sind „Lift Me Up“ oder „Why Does My Heart Feel So Bad?“ auch nach wie vor relevante Radio-Kost. Er gibt alles und sich selbst natürlich, das kommt an. Nick Cave hat seine Bad Seeds inklusive der klassischen Schwermut und euphorischer Melancholie an Bord. Das fließt nicht, das baut sich auf. Über das Comeback bzw. ein mögliches Album der Pixies verliert niemand mehr ein Wort, dass sie inzwischen einfach unregelmäßige Gäste der internationalen Bühne sind, wird wohlwollend hingenommen. Frank Black und Co. sieht man die Jahre und einsetzende Gelassenheit an, trotzdem wollen die Indie-Hits von vorgestern keinen Staub ansetzen.

Den Begriff „Crossover“ darf heute niemand mehr verwenden, dass Faith No More die Vorreiter waren, scheint dennoch bekannt zu sein. Letztlich ist Faith No More Mike Patton. Der aufgekratzte Derwisch im Zuhälter-Look will alles, nur keine pathetische Best-Of-Schau. Da wird geröhrt, gefeixt, gespuckt und letztlich immer wieder der Beweis gebracht, dass Herr Patton ordentlich einen sitzen hat. Das macht sympathisch und will unterhalten, den herrlich altbackenen Stakkato-Riffs ebenfalls sei Dank. Doch die richtige „Shitty Band“ zum Abdissen, lässt er dann doch außen vor. Social Distortion dagegen spielen leicht gehemmt, wie falsch angeschlossen. Mike Ness macht den Country-Punk-Rockabilly-Übervater in light. Die halben Lokalmatadoren Fettes Brot dagegen holen wieder ganz weit aus, diesmal unter der französische Flagge. Da mutiert selbst die ursprüngliche Elektrobratze von „Bettina, pack deine Brüste ein!“ zum lockeren Swingpop. Licht, Lichter und noch mehr: Die Nine Inch Nails warten wieder mit der Lightshow und dem glasklaren Sound der Woche auf. Für das instrumentale Können zwischen den Riffbrocken bleibt leider wenig Zeit, so wird es eben „nur“ die satte US-Rockshow. Was Disturbed noch existieren lässt, will niemand mutmaßen, die Lust am eigenen, überschaubaren Klangkosmos sollte es zumindest nicht sein. Die Band mit dem üppigsten Fundus, dem deutlichsten Ansturm und der höhesten Fanhörigkeit, schließt das Spektakel ab: Die Ärzte, die beste Band der Welt, laut Wikipedia. Weniger die Evergreens deutscher Popmusik, eher die ambitionierte Doppelhüpf-La Ola und der unglaubliche Massenwurf von Pfandbechern Richtung Bühne (für das Viva Con Aqua-Projekt) bleiben da in Erinnerung.

Was gab es noch? Einiges an weiblicher Bühnenpräsenz. Katy Perry ritt erwartungsgemäß den aufblasbaren Lippenstift und ihre Poprock-Hits. Lily Allen deckte den Etikettenschwindel der Saison auf, schließlich war das Outfit zwischen rosa Leggins, Kippe meets Bierpulle, Bauchfrei/Arschgeweih-Top eher Flop, dafür verpasste sie ihren seichten Hits stückweise eine Ladung Elektrounterbau. Der Mittelfingertanz war dann eher überflüssiges Rotzgören-Element. Die Ente schlechthin lieferte Duffy, die den sehr ausladenden Phrasierungen ihren kaum erträglichen Lauf ließ. The Asteroids Galaxy Tour wuselten irgendwo im gezügelten Zirkus der 70er umher, Ladyhawke eher abseits des zwingenden Songwritings. Im Bereich rhythmusorientierten Damenpops zeigte die Stockholmerin Lykke Li der Konkurrenz dann, was abseits von Autoscooter-Beats und breitbeinigem Image noch möglich ist. Der Song selbst steht im Vordergrund, ohne aufgesetzt feministische Messages.

Nicht weiblich, aber trotzdem ein Highlight: Jesse Lacey. Charisma kann man nicht kaufen, das hat man nicht bzw. ist Sänger bei Brand New. Die Editors wollen nach wie vor keine schlechten Auftritte bieten, Kings Of Leon dagegen den Beweis anstellen, dass man auch mit der Höchstpunktzahl Hüftsteife neues Teeniemagnet und Headliner werden kann. Progressiv ist das eine, im eigenen songwriterischen Anti-Konstrukt fest zustraucheln, nicht wirklich erstrebenswert, liebe Mars Volta. Ebenfalls in den langwierigen 70’s, nur mit mehr Glitzer und Pomp: Portugal The Man. Da heckten The Whip mit ihrem geradlinigen Nu Rave schon ohrentauglichere Kost, an der Gestik muss jedoch noch gefeilt werden. Zuviel poliert wird nach wie vor bei Keane, nett sind die kleinen Kopfkissen-Schmachter trotzdem. Spätestens mit Thüringens Aushänge-Liedermacher Clueso hat man dann aber den fleischgewordenen Schwiegermama-Auftritt livehaftig vor sich, den unverwüstlichen Poppunk-Tornado gab es mit Anti-Flag. Was jedoch die Friendly Fires da zurecht musizierten, darf gerne nachträglich noch eingereicht werden.

Inzwischen ist wieder Montag, alles vorbei. Im Norden nichts Neues, manchmal auch gut so, vielleicht im nächsten Jahr.

PS: Kämpferische „Die Mauer muss weg!“-Chöre und panisches Drücken plus Gedrücktwerden vor dem Colazelt hätte man umschiffen können, hätte man den zielsicheren Anlaufpunkt Tomte da spielen lassen, wo sie anscheinend hingehören.

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LIMP BIZKIT: HAMBURG: STADTPARK: 09.Juni 2009

LIMP BIZKIT: HAMBURG: STADTPARK: 09.Juni 2009

Limp Bizkit

Was Abstand alles bewirken kann.

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Als „Behind Blue Eyes“ 2004 straight Richtung Nummer 1 der deutschen Singlecharts schoss, war es um die Coolness und musikalische Relevanz der Band eigentlich schon längst geschehen. Das Ansehen war genauso am Bröckeln, wie auch die Zukunftsaussichten, schließlich lag das Millenniumsphänomen New Metal bereits apathisch zuckend am Boden. Rote Kappen, springende Mittelfinger und psychotisch gaffende Mimik im Hip-Hop-Outfit waren inzwischen das Gegenteil von up-to-date. Wes Borland machte mit offensichtlichen Seitenhieben auf seine eigene Vergangenheit und Fred mit einer völlig deplazierten EP, das Ende von Limp Bizkit deutlich.

In Zeiten, in denen sich jedoch von Faith No More über Alice In Chains bis hin zu den Guano Apes alles reformiert, was ein potentielles Retro-Festival besetzen könnte, war es nur eine Frage der Zeit, wann Jacksonville, Florida sich zum Comebackreigen gesellt.

„Limp Bizkit will live forever!“. Drohung oder Ansage nach 90 Minuten im grünen und dicht besuchten Stadtpark der Hansestadt? An Spekulationen wurde im Vorfeld der anstehenden Livekonzerte in Originalbesetzung schließlich nicht gegeizt. Lediglich finanzkrisenbedingte Zweckbeziehung oder tatsächlich spielfreudiges Wiedersehen?

Ach, ein Treffen mit Homies, Nookies und all den Fuckers, die anscheinend nur auf einen erneuten Crossover-Supergau gewartet haben. Es will einfach alles passen: ein extrem lässiger Fred Durst, der zwar leicht hüftsteif bzw. to-cool-for-school rüberkommt, dennoch die sympathische Frontnase mit Fannähe in Baggies mimt, die Jonathan Davis nie sein wollte; ein zünftig gefeierter Wes Borland, welcher die obskure Kreuzung aus Black-Metal-Monster und Dandy-Schaf gibt; schließlich aber die Stimmung, die dank der Greatest Hit(z)s-Setlist genau da liegt, wo oben ist. Es rollt, knackt und groovt überzeugend und souverän wie 2001 zuletzt. Große Experimente bleiben natürlich außen vor, die Handvoll Rückkehr-Konzerte sind letztlich mehr erneutes Statement als notwendige Wiedergutmachung. Das nächste Album darf folgen, die Krise überstanden, die Fans wieder hungrig. Red-Cap, you did it!

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DREDG: HAMBURG: GROSSE FREIHEIT 36: 08.Juni 2009

DREDG: HAMBURG: GROSSE FREIHEIT 36: 08.Juni 2009

Dredg

Leider tatsächlich ein paar Informationen zuviel.

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Im Laufe eines Lebens überfallen einen immer wieder Ereignisse, die man lieber ausklammern möchte: Das Realisieren, dass die eigenen Eltern nicht unantastbar sind, dass die Existenz doch kein komplettes Quiz ist, dass Freundinnen potentiell zum Fremdgehen bereit sind, und dass die Lieblingsband inzwischen nicht mehr die Lieblingsband ist.

Letzteres ist allein deshalb schon besonders schwierig, da doch all die voran gegangene Identifikation, die miteinander verbrachten Stunden und die innere Begeisterung plötzlich im Wind verweht, wertlos scheint und man genau da ist, wo die nun feiernde Meute heute nicht sein kann und möchte.

Runtergebrochen auf die Frage, ob das da vorne ein schlechtes Konzert  oder man selbst einfach am falschen Ort war, lässt sich nur eins sagen: Dredg sind nicht mehr Dredg bzw. waren Dredg nie diese Dredg?

Die Antwort lässt sich natürlich nicht ausschließlich mit den offensichtlichen Fakten beantworten: MTV hat ihnen eine eigene „All Eyes On …“-Kampagne geschenkt, VOX fährt ihre aktuelle Single als Filmtrailer Richtung Radioprogramm, die einschlägig ausschlägige  Musikpresse featured bis zum Umfallen und aktuelle Interviews lesen sich ungewohnt abgeklärt bis steril.

Doch sind dies nur Randnotizen, schließlich pisst 2009 niemand mehr glaubwürdig Richtung Mainstream. „Schöner werden die aber auch nicht mehr“ schießt es frech aus dem Mund eines weiblichen Fans (?) aus der hinteren Reihe. Lässt man die körperlichen Oberflächlichkeiten der Band mal außen vor und betrachtet sich das Songwriting und die Livedarstellung 2009, lässt sich zumindest eindeutig einstimmen.

Feinschliff ist das Eine, banale Emotionsstrudel das Andere. Erschreckend luftige Arrangements treffen auf den inoffiziellen Kompost des gestapelten Balladenschmocks. Gitarrenriffs werden als Alibi kurzfristig eingereicht,  um die drum herum gebastelten Progpop-Schmachter in Ansätze von Rockformat zu stecken. Natürlich ist das ausgeklügelt, der Effektmaschinerie sei dank auch nett verspielt und hyperprofessionell, aber dermaßen blutarm, dass  rückblickend die rohe Unfertigkeit von „Leitmotif“ wie schlechtes Mittel zum Zweck wirkt. So nostalgisch verklärt es auch gerne klingt: San Francistos kreativsten Tage sind gezählt, es sei denn man wartet zum samstäglichen Dancefloorbumms im Anschluss an das käsige „Human“ der Killers auf den Tonbruder im Geiste „Information“. Dredg haben sich ihrer eigenenen Geheimnisse beraubt und dürfen vielleicht sogar stolz darauf sein.

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