Corvonism

HURRICANE FESTIVAL: SCHEEßEL: 19.-21.Juni 2009 | Jun 22nd 2009

HURRICANE FESTIVAL: SCHEEßEL: 19.-21.Juni 2009

Hurricane 09

Die liebgewordene Routine in drei Akten.

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Festivals sind und bleiben das, was du draus machst. Als sicher gilt auch 09 potentielle Gefahrenquelle Nr.1: das gute Wetter. Ohne das altbekannte Wechselspiel zwischen Sonnenbrille auf, Kapuze ab und Regenjacke an, wird ja auch kein Open-Air gemacht. Die heimliche Unwetterwarnung zum Sonntag scheint inzwischen Obligatum, das akute mitternächtliche Traktorrennen als Abschluss bleibt eben im Gedächtnis.

Hurricane-Ausgabe 13 war natürlich zahlenbedingt kein Unglückshappening, aber auch nicht das Manifest der Sensationen. Überraschung lauern da, wo groß inszenierte Festivals nicht sind, und so gab es drei Tage solide Unterhaltung, welche jedoch zweierlei offenbarte: Der Vorjahresrekord von 70.000 Besuchern wurde nicht annähernd geknackt, das Durchschnittsalter pendelte außerdem seit längerem wieder weit jenseits der Erstsemesterfete. Die Daumen-hoch-Neuerung war das Investieren in den Ausbau der sanitären Anlagen, so wenig gut gebräunte bzw. ge/bespritzte WC-Sitze wie dieses Jahr durfte man noch nie erleben.

„Legenden mit Leidenschaft“ sollte wohl inoffizielle Überschrift sein, war Scheeßel diesmal vor allem der Sammelpunkt alter Helden und fast vergessener Hymnen. Kraftwerk – für immer als Pioniere elektronischer Musik und anscheinend Ideengeber jeder dritten Band betitelt- lieferten musikalisch das Lehrwerk nostalgischen Futurismus und visuell effektiven Minimalismus. Alle stiltechnischen Hilfsmittel scheinen elitär gewählt und wohl geordnet, etwas schwerfällig für die von fiesen Trashbeats verkorksten Ohren vom Jetzt. Moby fand da schon deutlich mehr Massenanklang, schließlich sind „Lift Me Up“ oder „Why Does My Heart Feel So Bad?“ auch nach wie vor relevante Radio-Kost. Er gibt alles und sich selbst natürlich, das kommt an. Nick Cave hat seine Bad Seeds inklusive der klassischen Schwermut und euphorischer Melancholie an Bord. Das fließt nicht, das baut sich auf. Über das Comeback bzw. ein mögliches Album der Pixies verliert niemand mehr ein Wort, dass sie inzwischen einfach unregelmäßige Gäste der internationalen Bühne sind, wird wohlwollend hingenommen. Frank Black und Co. sieht man die Jahre und einsetzende Gelassenheit an, trotzdem wollen die Indie-Hits von vorgestern keinen Staub ansetzen.

Den Begriff „Crossover“ darf heute niemand mehr verwenden, dass Faith No More die Vorreiter waren, scheint dennoch bekannt zu sein. Letztlich ist Faith No More Mike Patton. Der aufgekratzte Derwisch im Zuhälter-Look will alles, nur keine pathetische Best-Of-Schau. Da wird geröhrt, gefeixt, gespuckt und letztlich immer wieder der Beweis gebracht, dass Herr Patton ordentlich einen sitzen hat. Das macht sympathisch und will unterhalten, den herrlich altbackenen Stakkato-Riffs ebenfalls sei Dank. Doch die richtige „Shitty Band“ zum Abdissen, lässt er dann doch außen vor. Social Distortion dagegen spielen leicht gehemmt, wie falsch angeschlossen. Mike Ness macht den Country-Punk-Rockabilly-Übervater in light. Die halben Lokalmatadoren Fettes Brot dagegen holen wieder ganz weit aus, diesmal unter der französische Flagge. Da mutiert selbst die ursprüngliche Elektrobratze von „Bettina, pack deine Brüste ein!“ zum lockeren Swingpop. Licht, Lichter und noch mehr: Die Nine Inch Nails warten wieder mit der Lightshow und dem glasklaren Sound der Woche auf. Für das instrumentale Können zwischen den Riffbrocken bleibt leider wenig Zeit, so wird es eben „nur“ die satte US-Rockshow. Was Disturbed noch existieren lässt, will niemand mutmaßen, die Lust am eigenen, überschaubaren Klangkosmos sollte es zumindest nicht sein. Die Band mit dem üppigsten Fundus, dem deutlichsten Ansturm und der höhesten Fanhörigkeit, schließt das Spektakel ab: Die Ärzte, die beste Band der Welt, laut Wikipedia. Weniger die Evergreens deutscher Popmusik, eher die ambitionierte Doppelhüpf-La Ola und der unglaubliche Massenwurf von Pfandbechern Richtung Bühne (für das Viva Con Aqua-Projekt) bleiben da in Erinnerung.

Was gab es noch? Einiges an weiblicher Bühnenpräsenz. Katy Perry ritt erwartungsgemäß den aufblasbaren Lippenstift und ihre Poprock-Hits. Lily Allen deckte den Etikettenschwindel der Saison auf, schließlich war das Outfit zwischen rosa Leggins, Kippe meets Bierpulle, Bauchfrei/Arschgeweih-Top eher Flop, dafür verpasste sie ihren seichten Hits stückweise eine Ladung Elektrounterbau. Der Mittelfingertanz war dann eher überflüssiges Rotzgören-Element. Die Ente schlechthin lieferte Duffy, die den sehr ausladenden Phrasierungen ihren kaum erträglichen Lauf ließ. The Asteroids Galaxy Tour wuselten irgendwo im gezügelten Zirkus der 70er umher, Ladyhawke eher abseits des zwingenden Songwritings. Im Bereich rhythmusorientierten Damenpops zeigte die Stockholmerin Lykke Li der Konkurrenz dann, was abseits von Autoscooter-Beats und breitbeinigem Image noch möglich ist. Der Song selbst steht im Vordergrund, ohne aufgesetzt feministische Messages.

Nicht weiblich, aber trotzdem ein Highlight: Jesse Lacey. Charisma kann man nicht kaufen, das hat man nicht bzw. ist Sänger bei Brand New. Die Editors wollen nach wie vor keine schlechten Auftritte bieten, Kings Of Leon dagegen den Beweis anstellen, dass man auch mit der Höchstpunktzahl Hüftsteife neues Teeniemagnet und Headliner werden kann. Progressiv ist das eine, im eigenen songwriterischen Anti-Konstrukt fest zustraucheln, nicht wirklich erstrebenswert, liebe Mars Volta. Ebenfalls in den langwierigen 70’s, nur mit mehr Glitzer und Pomp: Portugal The Man. Da heckten The Whip mit ihrem geradlinigen Nu Rave schon ohrentauglichere Kost, an der Gestik muss jedoch noch gefeilt werden. Zuviel poliert wird nach wie vor bei Keane, nett sind die kleinen Kopfkissen-Schmachter trotzdem. Spätestens mit Thüringens Aushänge-Liedermacher Clueso hat man dann aber den fleischgewordenen Schwiegermama-Auftritt livehaftig vor sich, den unverwüstlichen Poppunk-Tornado gab es mit Anti-Flag. Was jedoch die Friendly Fires da zurecht musizierten, darf gerne nachträglich noch eingereicht werden.

Inzwischen ist wieder Montag, alles vorbei. Im Norden nichts Neues, manchmal auch gut so, vielleicht im nächsten Jahr.

PS: Kämpferische „Die Mauer muss weg!“-Chöre und panisches Drücken plus Gedrücktwerden vor dem Colazelt hätte man umschiffen können, hätte man den zielsicheren Anlaufpunkt Tomte da spielen lassen, wo sie anscheinend hingehören.

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1 Kommentar »

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