
Es muss die dümmste Idee des Jahres gewesen sein. Sie hat sich gerade noch rechtzeitig vor Toreschluß auf die Spitzenposition geschossen. Weihnachten entfliehen, mit aller kompromissfreien Konsequenz. Ein paar warme Sachen in den alten Rucksack der zehnten Klasse, das bißchen übrig gebliebene 13. Monatsgehalt und diese stetig aufkeimende Wut. Worüber eigentlich? Die allgemeinen Prä-Heiligabend-Unwetterlichkeiten zwischen Familie, Freunden und Arbeistkollegen? Nein, darüber war man schon hinaus. Kopfschmerzblinkerein im Vorgarten der Nachbarn oder groß zelebriertes Glühweinschütten nach Feierabend waren als streitbares Thema seit Jahren abgehakt. Sich da aufzuregen wäre verschwendete Energie. Es war wohl der Urgedanke, einmal dieses allerorts hoch gelobte Fest der Stille dementsprechend still zu feiern, ganz ohne laute Bescherung mit Boney M. und Familie Heinz Beckers alljährlicher Fernseheskapaden. Wirkliche Ruhe.
In der Regionalbahn war es ruhig, nicht mal zum Bersten gefüllt und vor allem kontrollarm. So weit, so gut. Ein Ziel gab es nicht, würde ja nur Planungen und Entscheidungsfragen durch den Enddezember werfen. Einige Pärchen und schwer bepackte Einzelgänger verließen den Zug an dem kalten und nebligen Morgen des 24.12. innerhalb der ersten Fahrstunde. Dann wurde es übersichtlicher im Abteil und die Strecke auch immer mehr jenseits vom Schuss. An große Feierlichkeiten war zwischen Busch und Feld kaum zu denken. Der Zug blieb plötzlich stehen, ohne Ansage oder sichtbaren Grund. Er ging Richtung Tür, sah einen Berg. Hier stieg er aus. Warum, wusste er selbst nicht. Da lief er also zu diesem Berg, andere würden es Hügel oder Erdwölbung nennen. Er schaute noch einmal zurück Richtung Bahngleis, doch der Nebel nahm ihm jegliche Sicht. Er war sich schon seit den ganz frühen Morgenstunden der Wichtigkeit seines kleinen Zwangsausflugs bewusst, fühlte sich trotzdem etwas neben sich stehend. Es war ihm so leicht auf den Schultern, er hatte sein Gepäck auf dem Sitz liegen lassen. Er fluchte nicht, war keineswegs sauer, er ging dem Gipfel des Bergs weiter zielstrebig entgegen. Der Boden war gefroren. Mit seinen dünnen Sommerschuhen wäre er für manches Innerstädtisches gewappnet, nicht aber für diesen winterlichen Spaziergang. Ein einzelner kleiner Baum, eher Busch oder seltene Gattung einer Hecke stand ganz oben auf. Er stellte sich vor dieses Gewächs und schaute es an. Mit dem grünen Daumen hatte er es generell nicht so, Biologie erst recht nicht.
Es wurde ihm urplötzlich ganz anders. Wie ein Wetterwandel, ein Szenenwechsel. Es überkam ihn das Gefühl, flüchten zu müssen, gleichzeitig konnte er sich nicht rühren. Er hielt auch nie viel von Fantasy, geschweige denn Science Fiction. Doch dieser Moment auf dem Hügel strömte auf ihn ein, wie eine überdimensionale Dosis von beidem. Er wollte lachen statt mit aufgerissenem Mund um sich zu schauen, aber um ihn war es völlig stumm, alles auf tonlos. Selbst konnte er keinen Laut von sich geben. Dann war es ihm, als würde er von hinten angestoßen werden, zumindest wankte er von einer Sekunde zur nächsten nach vorne über. Fremdbestimmt, letztlich aber unbestimmt, fiel er zu Boden. Da lag er nun, mit langsamen Blick zu beiden Seiten. Die Überdosis aufsteigender Fragen konnte er gar nicht greifen. Wenn die Verkörperung von Stirnrunzeln irgendwo zur Nachfrage stände, er wäre es in diesem Augenblick perfekt gewesen. Wenn er es nicht selbst für völlig unglaubwürdig gehalten hätte, käme es ihm so vor, als wäre dieser Baum beachtlich gewachsen seit seinem Sturz. Er spendete ihm nämlich Schutz vor dem Schnee, der reissverschlussähnlich vom Himmel abwärts fiel. Von verträumter Romantik war nichts zu spüren, Schneeballschlachten mit sich selbst fielen ebenfalls aus. Er stand auf. Langsam, fast ängstlich. Als ein gewaltiger Krawall hinter ihm ertönte, drehte er sich um. Ganz kurz und noch zweimal anschließend. Wo war das Feld gebelieben, dachte er. Von Panik keine Spur. Bis er wenige Schritte voran ging, um heraus zufinden, was die Ursache des plötzlichen Krachs sein musste. Er fuchtelte mit den Armen vor sich, konnte natürlich die immer massiver fallenden Schneeflocken nicht wie einen Vorhang verbannen. Nun rannte er. Zielgerichtet und doch mit der Angst, eine Entdeckung zu machen, die der reinen weißen Landschaft so gar nicht ähnlich sei. Je schneller er rannte, desto klarer wurde die Sicht. Der Schneefall hörte auf, so wurden seine Schritte wieder langsamer. Er hielt plötzlich inne und sich selbst die Brust, konnte er doch seinen Augen nicht trauen.
Was sich vor ihm abzeichnete war das Gegenteil von Unbekannt. Er riss die Augen auf und schniefte die Nase. Sein Elternhaus stand vor ihm bzw. das, was davon übrig blieb. Verstreute Balken und die letzten Grundmauern standen lediglich. Das Bild brannte sich ein, es war ihm, wie ein Kameraauslöser mit über 100 Schüssen pro Sekunde. Gerade wollte er weiter gehen, sah vor dem geistigen Auge seine Familie, als warme Luft von links strömte. Er schaute verzögert in die Richtung und erkannte das Zugabteil von vorher. Er wahrte den Blick und stieg ein.