
Mindestens einmal im Jahr vergisst MTV alle Sparmaßnahmen und feiert sich und seine Stars seit 1994 kompromisslos ohne Punkt und Komma, wenn nämlich eine weitere Ausgabe der Europe Music Awards, dem europäischen Pendant zu den Video Music Awards, über die gut ausgeleuchtete Bühne geht. Klotzen, Kleckern und den glitzernden Schein zelebrieren als gäbe es kein Morgen. Austragungsort am 06.11.2008 war die Echo Arena in Liverpool, England.
Nachdem von Tom Jones über Ronan Keating bis zu Xzibit oder Justin Timberlake schon eine bunte Riege der Musiklandschaft als Gastgeber durch den Abend führen durfte, war es diesmal an Katy Perry, den unterhaltsamen Host zu mimen.

Die ließ es sich nicht nehmen, die hippe Gala direkt mit einer Kurzfassung ihres Sommerhits „I Kissed A Girl“ einzuleiten, auf einem übergroßen Lipstick im Footballtrikot. Sie entschuldigt sich schon im Voraus für etwaige Versprecher und dank ihrer herrlich inszenierten Moderation, welche dennoch locker und frisch rüber kommt, wird klar, dass sie Ex-Host Christina Aguilera schon mal mit Leichtigkeit übertrumpft. Ein keckes Früchtchen, die Kleine. Egal, ob auf ebenfalls überdimensionalen Kirschen, Bananen oder aus einem angefressenem Apfel lugend.
Kategorien wie „Best Song“ oder „Best Group“ waren gestern.. Die könnten jedoch altbacken wirken, also nannte sich der erste Preis schon mal „Most Addictive Track“. Was beim MTV-Publikum Suchtfaktor garantiert, servierten uns die Sugababes, die anscheinend ewig durchhaltende Girlgroup Englands, im Top 3-Modus. „So What“ von Pink räumte hierbei ab. Abschreckend wirkt jedoch der zu eng geratene blaue Rock des Rockchics aus Pennsylvania. Den hatte sie später bei der Performance des internationalen Nummer 1- Schmeißers durch die Meute mit finaler Kissenschlacht Gott sei Dank ausgetauscht.
Jared Leto hatte in seiner VIP-Couchecke neben seinen 30 Seconds To Mars-Kollegen abwechselnd MTV-Gesichter zu Gast. Als Interviews, geschweige denn Gespräch, ging da natürlich nichts durch. Egal, ob Comeback-Sternchen Anastacia, Langweiler Craig David, die gut frisierte Leona Lewis oder der trinkfreudige Kid Rock da halb-gemütlich Platz nahmen.
Überhaupt Hr. Leto: Dank des massiven Airplays der eigentlich schon althergebrachten Hits, konnte sowohl für den „Rockout“-Award große Namen wie Metallica oder Linkin Park ausstechen, und den „Videostar“ setzte es für den den Clip zu „A Beautiful Lie“, diese perfekt eingefangene Grönland-Ästhetik.
Den „Headliner“- Preis nahmen die Jungs von Tokio Hotel mit nach Hause. Sie verwiesen auf ein Wiedersehen nächstes Jahr, dann mit neuer Platte in petto.
„Ultimate Urban“ setzte es für Kanye West, der seine Mom grüßte.Überraschend war, nach der plötzlich weltweiten Wandlung zum geläuterten und wieder erfrischten Pop-Superstar, die Auszeichnung „Act of 2008“ und „Album Of The Year“ für unsere Britney Spears trotzdem. Gerade die Scheibe „Blackout“ wurde von Kritikern fast durchgehend als elektronisch verhampelter Ofenschuss gehandelt. Britney zeigt sich auch lediglich per Videoeinspieler dankend, vom Set ihres neuen Clips. Der „German Act“ ging an „Fettes Brot“. Der Scherz des Abends: Rick Astley wird „Best Act Ever“. Da wird die Macht bzw. Tücke des Netz doch mal wieder offenbart, au weia. MTV befragt neben den Menschen vor den Fernsehapparaten anno 08 auch seine selbst gemachten Helden nach ihren Favoriten des Jahres. Heraus kam dabei der „Artists’ Choice“-Award für das wandelnde Ein-Mann-Tattoo Lil Wayne. So wirklich groß wurde es mit der Vergabe der Auszeichnung für die „Ultimate Legend“. U2-Kopf Bono übergab in einer kraftvoll gesprochenen Einführung an Paul Mc Cartney, der unter erwartungsgemäß tobendem Applaus seine schlichte Dankesrede hielt. Mehr muss für MTV jedoch auch gar nicht sein.
Auch live auf der Bühne reichte sich das Who-Is-Who der Hitlisten das Mikro in die Hände.
Beyonce gab erneut mehr die Balladen-Diva statt das Schüttel-R’nB-Child. Die Herren von Take That hätten ohne die bombastischen Lichtspielereien mit ihrer neuen, austauschbaren Single kaum für Erhellung gesorgt. The Killers haben inzwischen zwar auch mehr Keyboardteppiche als Gitarren im Gepäck, aber die abgefahrene XXO-Show verdrängte dies fast komplett. Kanye West kann mit dem Pitch-Vocal-Clubtrack fast nicht mehr ferner vom Hip-Hop sein. Im Duo mit Estelle kam natürlich noch der Radiohit „American Boy“ hinten dran, die abschließende Barack Obama- Flagge war dann Zeichen und einer von diversen mehr oder weniger versteckten Tributs an den brandneu gewählten US-Präsidenten. The Ting-Tings brachten ihren „That’s Not My Name“-Ohrwurm ganz überzeugend über die Bretter, während Kid Rocks „All Summer Long“ nun wirklich einen Sommer zu lang quer durch die Republik dudelte. Sicher, „Mercy“ war der Überraschungshit für Duffy. Ihr Stylist des Abends gehört jedoch verhauen, soviel an äußerlicher Jugend kann und sollte man doch nicht weg/verstecken.
Frau Perry selbst ging auch nicht mit leeren Händen Richtung Hotel. Den Award für „New Act“ wurde ihr zuteil, überreicht von der gewagt gekleideten Grand Dame Grace Jones. Mit „Hot’n Cold“ gingen die 120 Minuten Promischau schließlich zu Ende.
Entertainment der Marke „Music Television“ ist nach wie vor flach, aber auch klebrig und locker . Ein Fernsehabend lang geht das Spektakel in Ordnung, ein Jahr Pause aber auch.
____________
wenn man tokio hotel googelt, steht deine seite ganz oben!
Kommentar von heartenough — November 7, 2008 @ 3:39