Melt!ing away to stay.
__________
MELT! / 18.-20.JULI 2008 / FERROPOLIS
Knapp zusammengefasst bestehen Festivalbesuche doch überwiegend aus dummen Rumstehen, noch dummeren Rumgucken und erschreckend viel Wartezeit. Soweit, so klar. Jeder Debütant des Gräfenhainicher 3-Tage-Events wird sich jedoch noch mehr erschrecken, wieviel mehr man davon drauf packen kann.
3 Tage wach, 3 Tage mehr oder weniger Krach, 3 Tage Lach- und Sachgeschichten, ohne zeitliches Limit und ohne Securities die ab 2Uhr nachts die international angereiste Meute hinter rot-weissen Absperrbändern gen Campingareal drängen. Toll, aber gefährlich.

Es passte ja alles zuammen. Der Freitag musste wettertechnisch wohl der fulminante Start in das livehaftige Abenteuer werden. Nach dem Motto: Wenn schon outdoor, dann richtig. Bester Freund des Juliwochenendes, neben dicken Beats und pumpenden Bassläufen, sollte nämlich Regenjacke bzw. Schirm sein. Am Hauptanreisetag war logischerweise am Ticketzelt die Hölle los. Tropfend und vom stürmischen Nass angepeitscht, schallten lauthals „Die Mauer muss weg“-Choräle vom dicht gedrängten Wartemob. > Kate Nash < liebsäuselte sich währenddessen auf der Mainstage geahnt unspektakulär durch das Popset, um im Anschluss von > dEUS < und den > Editors < erstaunlich packend und rund abgelöst zu werden.
Die Frage, ob > Dune < grundsätzlich der Mini-Playback-Show Tribut zollen, > Klee < 2008 endgültig Richtung > Ich & Ich < -Status fliegen, und wie > Zoot Woman > es schaffen, mit „Automatic“ eine Nummer ohne jeglichen Kratzer oder Staub im Gepäck zu haben, rattern durch das Festivalhirn Tag Eins. Dazwischen die allerorts hoch gejubelte Lichterschau zwischen Bagger und Matschstraße. Spätestens beim Sonnenaufgang am Samstagmorgen, lange nach > Goldie, kamen die großen Gefühle von Love, Unity und endloser Glückseligkeit. Auch gegen 8 Uhr lässt sich strahlend dem neuen Tag entgegen dancen, das Zelt kann warten.
Schieb es raus, weit raus. Unabhängig von der Running Order wurde der Gang Richtung Braunkohlegelände nach dem Erwachen weitestgehend gedrückt, schließlich sollte der schwitzigen Miefklimatik im Iglu anscheinend ein erneutes Wetterspektakel folgen. Am Himmel wurde zusammen gebraut, was das Zeug hält. Halt deine Liebste fest oder setz sie ins Auto, hieß es da.
Dann aber setzte es das große Livespektakulum. > The Notwist < beklimperten gediegen die Haupbühne, gefolgt von den > Stereo Mc’s < mit fast nostalgischem Anstrich. > Franz Ferdinand < brachten die Indiehits von gestern gekonnt unter die Menge und > Roisin Murphy < war glaubwüdiger Blickfang und Tanzleiterin in einem. Nebenher lärmten da > Operator Please < mit überraschender Dramatik die überdachte Geministage, > Jape < überzeigten kompakt und griffig, und Quentin Dupieuxs Ein-Mann-Projekt > Mr. Oizo < kochte die Gesellschaft ordentlich heiß. Über die Relevanz der Live-Kooperation von > Uffie & Feadz < mit den Discohelden der frühen Neunziger von > Technotronic < lässt sich streiten, da fehlte der nötige Funke, für den vielleicht > 2 Unlimited < besser gesorgt hätten.

Abschied nehmen ist schwer aber ein Fest, solange man ihn feiert wie ein Kaiser. Da braucht man natürlich kaum die überbewerten > Get Well Soon >.
Gerne aber die mathematisch agierenden Elekroinstrumentalisten von > Battles < oder die Szene-Gurus von > Hot Chip < („Ready for the floor“ ist und bleibt böser Ohrenkriecher).
Das Finale muss niemals eine durchgehende Umarmung sein, dafür ziert sich > Björk < auch zu pfiffig. Nie wird sich jeder auf Islands ewigen Nummer-1-Export einigen können, dafür ist sie zu sehr Künstlerin. Und so zog sie die versammelte Stylomaten-Community mit reichlich Aufbau zum gefühlstechnischen Höhepunkt. Der Mantel mit dem Weltmusik- und Experimentalpop wurde erst bei den rhythmusoreintierten Hits „Army of me“ und „Triumph of the heart“ abgestülpt, es durfte endlich getanzt werden. Das war Blockbusterkino für die Ohren, ohne schlechte Hauptbesetzung. Sie tanzte mit ihrem dubiosen Bläserensemble und jetzt machten alle mit. Die abschließende Ekstase, sozusagen. Und spätestens nach dem epochalen Donnerwetter „Declare Dependence“, inklusive einer ungeahnten Wut und Kampfeslust, war der langsam abtrabenden Festivalmeute bewusst, die fast letzten Zuckungen der lieblichen Schlampe unter den Festivals erlebt zu haben.
Noch einmal umdrehen und auf 09 freuen, so konsequent sollte man sein. Dann aber auch wieder ohne leuchtrosa Shirt und Schminkpalette in der Visage.