Sie war kein Freund von U-Bahn-Schächten, gerade nicht gegen Mitternacht und vor allem nicht allein. Aber was sollte sie machen. Ihre alteingesessene Regenparanoia war stärker. Gerade in letzter Zeit, es war schließlich November, konnte sie diese immer stärker entwickelte Angst kaum vor ihrem Umfeld verstecken. Dass ursprünglich dieser Hauptschüler Philipp schuld an dieser wachsenden Misere ist, wusste natürlich niemand. Jedenfalls rannte sie Richtung U-Bahn-Schild, mit ordentlich Tempo auf den abgetretenen Sportschuhen. In der Hand hielt sie eines dieser völlig fettigen Salamibrötchen vom Bäcker. Sie ließ es fallen. Dabei war es das erste, was ihr Magen nach dem leicht welken Salatmix am Vormittag sehen durfte. Sie war auch nicht dieser Umdreh-Typ, außerdem war da ja der Regen. Sie riss die Kopfhörer aus den Ohren. Sie pendelten von links nach rechts, ganz leise konnte man „Monster Hospital“ von Metric vernehmen. Der Song passte wie ein frisch vermessener Anzug, spätestens beim Anblick des abgehetzt erreichten Untergrundganges.
Dass es ein Samstagabend sein muss, war unübersehbar. Diese verrückten Scherbenläufer hätten zumindest ihren Spass gehabt, Messis ebenfalls, von Gestankfetischisten ganz zu schweigen. Vorsichtig lief sie in dem Fahrplan entgegen, wobei sie gar nicht daran dachte, mit der Bahn weiter zu fahren. Im Grunde war ihre Lust auf Aktionen zum Wochenende soeben ins Bodenlose gerutscht. Sie fühlte, ob ihre Haare etwas vom Regen abbekommen haben und versuchte sich in der Scheibe zu erkennen. Da fiel ihr ein Typ schräg hinter ihr auf, Marke männliches Täschchen. Sie wird aggressiv beim Anblick von gelackten Jungs. Dass sie noch vor zwei Jahren zielstrebig auf diese Herrschaften zusteuerte, hüllte sie inzwischen natürlich in Schweigen. Klar, muss er auch noch SMS schreiben und dabei aufgesetzt cool zum Gleis schauen, dachte sie. Einen Schrei konnte man von weiten vernehmen. Sie setzte sich wieder ihre Kopfhörer auf und wollte sich gerade an einen Pfeiler anlehnen, als dieses Schreien ein weiteres Mal durch die Halle schallte. Der Typ mit der Pomade verschwand, dafür flitzte eine schwangere Frau mit Schweissperlen auf der Stirn an ihr vorbei. Sie stürzte fast, waren ihre Pumps auch erschreckend hochhackig. Was war los, dachte sie. Naja, Großstadt eben.
Sie schaute auf ihre abgekauten Fingernägel, versteckte sie sofort wieder in der Hosentasche, eine Horde gut Angetrunkener polterte nämlich die Treppen abwärts. Sie war genervt, wollte jetzt einfach so wenig Kontakt mit Menschen wie möglich. Sie lief den Gang weiter, holte sich eine Zigarette aus ihrer Jackentasche. Offiziell hasste sie das Rauchen, war sie jedoch innerlich angespannt, war ihr Griff zum Feuerzeug ein Paradebeispiel für Schnelligkeit. Diese blöde Einweihungsparty, ging ihr durch den Kopf. Alles nur dumme Bratzen. Das war ihr Lieblingsspruch. Aber ihr Bruder würde da sein, und seitdem sie sich langsam wieder annähern, freute sie sich insgeheim immer wie ein Kleinkind auf das nächste Treffen. Eine Frau jenseits der Fünfzig kam ihr starr schauend entgegen. Sie sagte nichts, zeigte nur auf die Zigarette und schüttelte den Kopf. Diese dumme alte Bratze, dachte sie, was will die denn? Unhöflichkeit war aber nicht ihr Aushängeschild, so warf sie die Kippe neben den etwas entfernt stehenden Mülleimer. Die Frau blickte mit hoch gesetzter Nase über die linke Schulter. Gut, dann trete ich sie eben offensiv aus, war ihr sofortiger Gedanke. Gesagt, getan. Sie ging weiter, blieb dabei an einem Bündel hängen.
Es war ein Mantel, ein recht schicker noch dazu. Erst schaute sie leicht wütend zu Boden, einen Moment später nahm sie schnell auf der Sitzgelegenheit daneben Platz. Eine Bahn fuhr ein. Es stiegen nur wenige aus. Ein albern kicherndes Pärchen hüpfte so unpassend lebensfroh aus der Bahntür. Die lachen über ihre eigene Dummheit, lief ihr sofort durch den Kopf. Dumme Bratzen ohne Klamottengeschmack, im Anschluss. Plötzlich kehrte Ruhe ein. Sie war allein. Und sie merkte jetzt auch die Kälte, welche die Bahn anscheinend zurück gelassen hatte. Wieder schaute sie zu dem Bündel, bei näherem Hinsehen auch als Mantel zu identifizieren. Niemand lässt jetzt freiwillig seinen Mantel hier liegen, dachte sie mit einsetzenden Stirnfalten.
Nächste Woche steht der erste Advent bevor. Das wüsste sie nicht, hätte ihr Bruder das nicht beiläufig beim Kaffeetrinken am vergangenen Donnerstag eingeworfen. Sie schaute sich um, hatte sie doch gerade die Idee, den Mantel einmal aufzuheben. Ein älterer grauhaariger Mann nahm in fast jugendlicher Manier nur jede zweite Treppenstufe. Er schob ernst blickend die Brille zurück auf die Nase. Irritiert ließ sie vom Mantel ab. Würde der Herr seinen Mantel nun abholen, den er hier unbeabsichtigt liegen ließ. Anscheinend nicht. Er versuchte die Zahlen auf der Anzeigetafel zu erkennen, seine Augen wurde ganz schmal und klein. Aufeinmal drehte er sich um und verschwand wieder in die Richtung, aus der er soeben kam. Sie nahm einen weiteren Anlauf und fuhr mit der linken Hand zu Boden. Sie kannte sich nicht mit Stoffen aus, dieser jedoch gehörte nicht in ihre Lieblingskategorie. Er war kratzig, außerdem grau. Als sie den Mantel so zu sich auf hob, fiel ihr sofort die bemerkenswerte Größe auf. Sie legte ihn neben sich, nahm von der fixen Idee, in die Taschen zu schauen, im gleichen Moment wieder Abstand.
Das Wort Fundbüro sah sie vor sich. Hatte sie dieses schon jemals geschrieben, überlegte sie. Gibt es hier in der Nähe denn überhaupt eines, ebenfalls. Als sie aus weiter Ferne das Signalhorn der Polzei hörte, überkam sie eine Wandlung. Was mache ich hier eigentlich, warum verbringe ich meinen Abend mit einem Mantel? Einem fremden Mantel, um genau zu sein. Der Herr von eben fiel ihr plötzlich wieder ein. Ohne Schirm in der Hand kam er die Treppen nach unten. Ein Mann in diesem Alter trägt bei Regen doch immer einen bei sich, war ihr überzeugter Gedanke. Es sei denn, es regnet gar nicht. Sie stand auf, ließ den Mantel zurück und rannte die Stufen hinauf.