Aufgeregt läuft man über den Schulhof, in der Hoffnung, die Jungs aus der Parallelklasse haben wieder neue dabei. Tauschen macht Freude, nur wird man eben zu schnell über den Tisch gezogen. Die einen hat man doppelt bis dreifach, manche Nummern fehlen scheinbar ewig. Apropos Nummer: eine recht große war der Unterhaltungssport > Wrestling < Anfang der 90er nämlich.
Dank RTL 2 und der Bravo Sport wurden Männer mit würdigen oder auch fragwürdigen Image-Charakteren zwischen Totengräber, Clown, Voodoo-Meister, Indianer und unsterblicher Comicfigur zu Helden der Kids. Da gab es keine Fragen zum Sinn oder zur Realness der In-Ring-Action.
Das war alles bunt, wild, neu und hatte mehr von Zirkustaumel als von echtem körperlichen Wettbewerb. Da wurden Geschichten geschrieben, die kaum aus den Hirnen erwachsener Menschen entspringen konnten, aber das war der Schlüssel zum Erfolg.
Kinderaugen sind eben fasziniert vom Kampf zwischen Gut und Böse, pompös dargestellt und als fortlaufende Soap Opera inszeniert.
Und da trafen sich insgeheim alle vor der Röhre, obwohl Mutti längst schon Gute-Nacht Richtung Kinderzimmer zwitscherte. Da waren noch nicht neue Download-Chart-Entries oder Alter und Digga morgendliches Thema auf dem Schulweg, sondern warum Yokozuna den lieben Bret Hart so böse fertig gemacht hat und wann der Hulkster endlich den Championgürtel zurück gewinnt. Und nur die ganz frechen Schlitzohren hatten Verständnis für die fiesen Attacken eines Million Dollar Man oder Papa Shango.
Plötzlich fand jeder eine Meinung bezüglich des rüberschwappenden Hypes.
Die pupertierenden Mädels hingen lechzend an den gestählten Körpern, der Papa sah die sportliche Leistung, während seine Frau sich über Storylines wunderte, die selbst Denver Clan Reloaded niemals geschrieben hätte.
Und das Kinderzimmer wurde auch merklich voller. Da stand eine ganze Garde von Plastikfiguren mit interessanten Funktionen, selten preisgünstige VHS-Kaufkassetten mit Titeln wie WrestleFest, Invasion of the Bodyslammers oder Grudge Matches, und ganz klar Zeitschriften, Poster, Plüschtiere, Mützen, Brillen-eben der Merchandise-Overkill.
Das spielte vor der Sportstunde jedoch weniger eine Rolle, da kam es auf die Menge an Sammelkarten an. Die passten gut in die Federmappe und lenkten herrlich vom langweiligen Unterrichtsmarathon ab. Ob nun vom meist mauen Taschengeld oder reichlich illegal vom Schulkantinenbetrag, irgendwie konnte jeder in die Sammelrunde einsteigen.
Und lange hielt sie an, die Sucht der Sammelei, schließlich kannte man niemand, der die Kollektion bereits komplett hatte und Erster zu sein, fetzt immer.